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Interview mit Wim Wenders

Interview mit Wim Wenders
Foto: Donata Wenders / NEUE ROAD MOVIES GmbH

tip Herr Wenders, Ihr Hauptdarsteller James Franco ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Fotograf, Drehbuch- und Romanautor und bildender Künstler.
Wim Wenders Ich wollte auf jeden Fall jemanden haben, der weiß, was für ein einsamer Beruf das Schreiben ist. Und auch jemanden, der sich damit auseinandergesetzt hat, aus dem Leben und den Erfahrungen anderer eine Fiktion zu machen. James ist ein ernsthafter Schriftsteller, wir haben uns kennengelernt in einem Drehbuchseminar, das ich zusammen mit ihm und seinen Studenten gemacht habe.

tip „Ihre Bücher vor dem Unfall waren nicht so gut“, hält der Junge ja dem Schriftsteller vor, der ihn zu einer Romanfigur gemacht hat. Trifft das eher auf Literaten zu als auf Filmemacher, bei denen noch ein ganzer Apparat zwischen der Idee und der Umsetzung steht?
Wim Wenders Das Problem stellt sich für alle Künstler, auch für Musiker, deren Songs sich ja oft mit Leben und Tod und Trennung auseinandersetzen. Vor allem in der Literatur ist die Verwendung von „wahren Geschichten“ und „dem Leben anderer“ gang und gäbe. Im Kino ist es ein bisschen komplexer, weil die Sachen da durch so viele Hände gehen und man sie auf vielschichtige Arten teilen muss, während man als Schriftsteller eher ganz allein damit ist, bis das Buch erscheint.

tip Dokumentarisch haben Sie sich mit dieser Problematik schon in Ihrem letzten Film „Das Salz der Erde“ auseinandergesetzt.
Wim Wenders Das betrifft Fotografen und Dokumentar­filmer in der Tat viel mehr als die Geschichtenerzähler, für die es viel größere Sublimierungsprozesse gibt. Sowohl in der Fotografie als auch im Dokumentarfilm ist man schnell dem Vorwurf ausgesetzt, aus dem Leiden anderer Kapital zu schlagen, es zu benutzen. Im Fall von Salgado würde ich das entschieden verneinen, aber der Vorwurf ist eigentlich bei allen sozialen Fotografen schnell da, die sich in Situationen begeben, wo sie mit Leiden und Tod direkt konfrontiert werden. Und in Dokumentarfilmen gibt es die Frage auch: Wofür ist man verantwortlich? Eigentlich ist man für jede Einstellung, die man macht, verantwortlich.

tip Diese Verantwortung ist immer eine Last?
Wim Wenders Wenn jemand vor der Kamera steht, der einen Einblick in sein Leben gibt, kann das sehr positiv sein, wie mir das mit „Buena Vista Social Club“ gegangen ist. Ich glaube, da war meine Verantwortung für das Leben dieser alten Herren eine sehr schöne. Aber das kann auch genau in die andere Richtung gehen, dass die Verantwortung eine sehr schwere wird, wie ?z. B. in dem Film „Lightning Over Water“, der vom Tod eines nahen Freundes handelte. Ein Film hat auf jeden Fall direktere Folgen als Literatur. Letzten Endes ist mein Fazit, dass die Menschen, denen etwas passiert, immer wichtiger sein müssen als die Geschichte, die man daraus macht. Unser Tomas braucht eine lange Zeit, bis er den Menschen, dessen Schicksal er in seinem Buch verarbeitet hat, in sein Leben hineinlassen und ihn tatsächlich in die Arme nehmen kann. Bis dahin gilt für ihn die Kunstfigur, die er aus dem Jungen gemacht hat, mehr.

tip Ende 2012 sprachen Sie in der Akademie der Künste mit Ang Lee anlässlich der Deutschlandpremiere seines Films „Life of Pi“ über 3D.
Wim Wenders Sein Film war ein Zwitter, von der Herangehensweise dem amerikanischen Action-Film näher als unserem Natural-Depth–Verfahren. Es gab durchaus auch Szenen in dem Film, die ganz liebevoll und vorsichtig waren in der Benutzung von 3D, aber auch solche, die komplett effektgetrieben waren – bis hin zu der Tatsache, dass es diesen Tiger natürlich nie gab, dass der von Anfang an von Computern generiert war. Von der Raumdarstellung war „Life of Pi“ ein ganz und gar amerikanischer Film, da findet schon eine Dehnung des Raums statt, die für unser Gehirn auf Dauer anstrengend ist. Aber immerhin hat Ang Lee das sehr intelligent benutzt, und er hat die Regeln des Blockbusters ziemlich anders ausgelegt, in einem Film, der auch eine spirituelle Dimension hatte.

tip 3D im Spielfilm, das nicht auf Überwältigung abzielt, steckt noch in den Anfängen?
Wim Wenders Wir lernen alle noch. Als ich angefangen habe, „Every Thing Will Be Fine“ vorzubereiten, dachte ich: „Bis ich damit fertig bin, gibt es 20 Autorenfilme oder unabhängige Filme, die sich auf das Gelände wagen.“ Pustekuchen. Wir sind immer noch Versuchskaninchen – oder Pioniere, wie man’s nimmt. Wir arbeiten mit ­einem Verfahren, das „Natural Depth“ heißt, also „natürliche Tiefe“ – das hat schon den Anspruch, dass die Dreidimensionalität, die da vorkommt, mit unseren eigenen Augen zu tun hat, dass es ein organisches, ein vorsichtiges Verfahren ist. Bei „Pina“ und auch hier in dem Spielfilm haben wir von Anfang an physiologisch gedacht, also: Wie gucken zwei Augen wirklich, und wie kann man das in die Filmsprache übersetzen? Das muss man aber von Anfang an wollen! Man muss seine Geschichte so erzählen wollen, denn man arbeitet anders, man muss auf andere Dinge achten, der ganze Prozess ist ein anderer, bis hin zum Zuschauer, der anders sieht und andere Dinge wahrnimmt, in 3D sogar andere Teile seines Gehirns beanspruchen muss. Das ist in der Tat ein recht emotionaler Vorgang. Sich auf ein solches „gefühlvolleres“ Schauen einzulassen, das ist noch ein neues Feld, insbesondere weil alle Welt denkt, dass 3D vor allem etwas mit Action zu tun habe.

Interview: Frank Arnold

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