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Jason Schwartzman über „Moonrise Kingdom“

Moonrise_KingdomMr. Schwartzman, „Moonrise Kingdom“ eröffnet mit einem Musikstück von Benjamin Britten, das einem Ensemblespieler wie Ihnen gut gefallen muss. Es zerlegt ein symphonisches Stück in seine Einzelteile und setzt sie wieder zusammen.
Wes schreibt ja und inszeniert, also ist er sozusagen Autor und Komponist in einem. In einem Ensemblefilm, in dem jeder nur für ein paar Tage ans Set kommt, ist es doppelt wichtig, so ein Verständnis zu haben. Wes ist wie ein Aufnahmeleiter, der jeden Tag ein anderes Instrument aufnimmt und dabei den Überblick behalten muss. Für mich ist Film auch wie Musik. Ich sehe uns als Instrumente, manche dürfen nur so und so oft spielen, das ist auch eine gute Lektion. Es ist auch gut, mal nur das Saxofon zu sein. Aber das mit der Musik stimmt auch in einem anderen Sinn. Szenen haben einen Rhythmus und ganze Filme eine bestimmte Tonart.

Sie haben Ihren eigenen Film im Film modellhaft reduziert wie alles in Andersons Kino. Es ist eine Gefangenenlager-Ausbruchs-Miniatur, in der Sie als Pfadfinderführer dem jungen Liebespaar zur Flucht verhelfen. Haben Sie über die Genrebezüge bei der Vorbereitung gesprochen?  
Ich will nicht wie ein Idiot klingen, aber ich dachte bei der Figur an Han Solo, den Luke braucht, um in die Galaxie zu kommen. Er braucht den Millennium Falcon. Wenn man Han Solo das erste Mal sieht, ist er in einer Bar und schlägt sich mit dunklen Gesellen herum. Er kennt die Regeln und wie man sie umgeht, hat aber Ehrgefühl. Cousin Ben ist wie Han Solo – wenn der nur fünf Minuten in „Star Wars“ wäre. Er bringt die Kinder von der Insel, sein kleines Segelboot ist wie der Millennium Falcon. Das war mein Modell.

Der Film ist 1965 angesiedelt und weist für die Kinder im Mittelpunkt in eine vielleicht nicht ganz glückliche Zukunft hinein – eine Verbindungslinie, die Wes Anderson nach der Premiere gezogen hat.
Ich bin immer ganz platt nach den Pressekonferenzen. Ich begreife erst da so viele Sachen. Jetzt würde ich den Film gerne noch einmal drehen. Man sollte überhaupt die ganzen Interviews machen, bevor der Film gedreht wird. Das mit der Zeitreferenz fand ich toll.

Sie diskutieren das nicht vor dem Dreh?
Nein, das nicht. Einen Film zu machen, wie alles andere, ist, als ob man den Koffer für eine Reise packt. Man bereitet sich vor, versucht, nichts zu vergessen – und dann vergisst man 1965 einzupacken. Aber umgekehrt könnte ich natürlich auch sagen: Ich widerspreche, auch wenn Wes Anderson den Film geschrieben und inszeniert hat – er irrt sich (lacht).

Sie hatten in „Rushmore“ (1998) die Hauptrolle, ebenso in „Darjeeling Limited“ (2007), den Sie auch mitgeschrieben haben. Sogar in einer American-Express-Werbung haben Sie mitgespielt. Wie hat sich die Arbeit mit Wes Anderson über die Jahre verändert?
Ich habe den Eindruck, dass sich auf dem Weg die Art und Weise, wie er Filme inszeniert, stark gewandelt hat. Am Anfang hat er auf den Sets in ziemlich traditioneller Weise gearbeitet, mit spezieller Crew, Wohnwagen für die Schauspieler. Er hat das radikal verändert. Heute sind die Schauspieler mehr oder weniger immer zusammen, es ist wie eine Theatertruppe eine Gemeinschaft. Bei „Darjeeling Limited“ hatten wir kleine Räume für unser Gepäck, aber im Grunde steckten wir immer zusammen auf dem Zug, den wir nie verlassen haben. Wir haben immer gearbeitet. Man lebt zusammen, kommt schon in seinem Kostüm ans Set, in das die Mikrofone integriert sind. Alles, was Leute sonst trennt, ist weggeräumt, damit der Spaß größer ist, man sich wie eine Familie fühlt. Auch die Crew ist wirklich klein.

Das Ergebnis wirkt tatsächlich sehr entspannt.
Ich glaube schon, dass es eine Art Filme gibt, wo das nicht geht. „Avengers“ kann man so nicht drehen, aber auch andere Produktionen sind so unruhig organisiert, mit abrupten Wechseln zwischen Aktion und Nichtstun. Wes hat aber einen Weg gefunden, nie zu stoppen, immer langsam voranzuschreiten. Es ist wie Tee trinken statt Kaffee. Auf die Art kann man viel mehr erledigen.

Andersons Filme sind Ensemblefilme, aber das hat für Sie noch eine andere Bedeutung. Ihre Figur in „Moonrise Kingdom“ heißt Cousin Ben und tatsächlich hat die Rolle Ihr Cousin Roman Coppola mitgeschrieben, mit dem Sie unter anderem auch schon in „Darjeeling Limited“ zusammengearbeitet haben. Sie sind Teil des Coppola-Clans – war das als Jugendlicher nicht auch eine Bürde, ständig diese sehr erfolgreichen Familienmitglieder um sich zu haben?
Meine Familie liebt Filme und Musik und Kunst überhaupt. Diesen Enthusiasmus habe ich als Kind mitbekommen. Ich kam aus der Schule nach Hause, und meine Mutter hörte Musik und sang mit und genoss es offensichtlich. Ich habe früh verstanden, dass einen das tief berühren kann, dass man es richtig lieben kann. Das war anders als in den Familien meiner Freunde, die Musik vielleicht nur im Auto gehört haben. Aber meine Familie ist nicht sehr „hollywoody“. Meine Mutter (die Schauspielerin Talia Shire, geborene Coppola, Anm. d. Red.) ging nie mit uns zu Partys oder zu vornehmen Events. Sie machte einfach gerne Kunst. Wir wuchsen halbwegs normal auf, wie das halt in Großstädten wie New York, Los Angeles oder San Francisco möglich ist: herumhängen, Pizza, Baseball.

Waren Sie als Kind nie auf Filmsets?
Nein, nie. Ich habe natürlich gesehen, dass mein Onkel oder meine Mutter Celebrity-Status hatten, auch wenn es meiner Mutter unangenehm war. Aber ich fand es toll, weil ich dachte, dass meine Mutter diese Leute glücklich machen würde. Aber ironischerweise dachte ich nicht, dass Kino etwas für mich wäre, als ich aufgewachsen bin. In L.A. gibt es viele Kinderdarsteller, nicht so nette wie unsere beiden in „Moonrise Kingdom“. Bei meinem Friseur in L.A. hingen am Spiegel die Porträtbilder von Kinderschauspielern, die alle in so falschen Posen mit Killerblick in die Kamera schauten. Das war nichts für mich. Und außerdem waren die Filmproduktionen der Achtziger so groß, dass ich mir darin ohnehin keinen Platz ausmalen konnte. Das waren die Filme, die wir am Wochenende sahen. Deswegen habe ich mich auch mehr zur Musik hingezogen gefühlt. Das ist privater, ein Instrument kann man zu Hause haben und wenigstens damit Lärm machen. Erst mit 16 habe ich begonnen, Filme aus einem anderen Spektrum zu sehen, wie „The Graduate“ oder „Dog Day Afternoon“, amerikanisches Kino der 70er-Jahre. Das hat mich dann mehr interessiert. Aber dadurch gab es auch keinen Druck auf mich.

Wie kamen Sie denn zum „Rushmore“-Casting? Gab es da auch eine Verbindung über die Familie?
Irgendwie ja. Es war auf einer Jubiläumsfeier, auf der ein Orchester die Filmmusik meines Großvaters zu „Napoleon“ aufgeführt hat, und von meiner Familie waren wirklich viele da. Eine Castingagentin, die unter den Gästen war, erwähnte, dass sie für Wes Andersons Film den Darsteller eines exzentrischen Teenagers suchten, der sich in eine ältere Frau verliebt, und meine Cousine hat ihr vorgeschlagen, doch mich zu fragen. Ich wollte nicht, aber sie hat mir das Skript geschickt, das erste, das ich je gelesen habe. Ich musste dreimal zum Casting, aber schließlich hat es geklappt. Ich hab es keine Sekunde bereut.   

Interview: Robert Weixlbaumer
Foto: TOBIS Film

Moonrise Kingdom im Kino in Berlin
USA 2012; Regie: Wes Anderson; Darsteller: Jared Gilman (Sam), Kara Hayward (Suzy), Bruce Willis (Captain Sharp);
98 Minuten; FSK 12;
Kinostart: 24. Mai 

REZENSION ZU „MOONRISE KINGDOM“

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