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Nico Sommer über seinen Film „Familienfieber“

/Familienfieber_Still3_WieseEnsembleMaja und Uwe, Alinas Eltern, folgen der Einladung ihrer Tochter ins Landhaus der anderen Eltern nur widerwillig. Maja hat darüber hinaus eine Affäre mit Nicos Vater. Was als große Offenbarung der werdenden Eltern angedacht ist, entpuppt sich als wahres Familiengrab. Nico Sommer hat mit „Familienfieber“ einen tragisch-komischen Film über private Unzulänglichkeiten und das persönliche Scheitern geschaffen. Wir haben mit dem jungen Regisseur (Foto Mitte) über seine Arbeitsweise, knappe Budgets, seinen Hauptdarsteller Peter Trabner und den Berliner Impro-Film gesprochen.

Was stand auf den drei Seiten Deines Skripts, die Du für „Familienfieber“ hattest?
Ein kompletter Verlauf des Films, mögliche Dialogzeilen, die Wendungen. Also die gesamte Struktur. Wir mussten bei dem Dreh aber noch einiges verändern. Man schafft einfach nicht alles, was man sich vornimmt.

Muss man beim improvisierten Arbeiten lernen, Verzicht zu üben?
Ich hätte gern mehr Geld und mehr Zeit. Und auch ein Drehbuch.

Wie lange hast Du insgesamt an dem Film gearbeitet?
Zwei Monate Vorarbeit. Sieben Drehtage. Netto drei Monate Schnitt. Alles in allem, sechs Monate.

Sehr ökonomisch also. Über den klassischen Weg, also mittels Filmförderung, hättest Du mindestens zwei Jahre dafür gebraucht.

Ja, durchaus. Das ist auch der Grund, warum ich den Film einfach gemacht habe. Ich sehe es nicht ein, zwei Jahre meines Lebens zu verschwenden. Also muss ich damit leben, dass ich einerseits die volle Freiheit habe, andererseits aber dafür voll bezahlen muss.

Wie begeistert man ein Team, an einem Projekt zu arbeiten, bei dem wenig bis kein Geld reinkommt?
Der Erfolg meines letzten Films „Silvi“ hat mir einiges erleichtert. Der war ein starkes Argument. Meine Schauspieler können sich zudem durch die Improvisation viel stärker entfalten. So eine Chance bekommen Schauspieler ja selten.

Gibt es Darsteller, die mit dieser Form des Filmemachens nicht umgehen können? Ich frage, denn Du hast mit Peter Trabner unübersehbar einen Meister der Improvisation im Team.
Die gibt es natürlich. Peter ist da schon sehr besonders. Aber jeder hat etwas, dass er gut kann. Es hält sich also die Waage. Peter Trabner kann hervorragend improvisieren. Mit ihm will ich auch unbedingt weiterarbeiten. Aber wer will das nicht? (lacht) Ich verstehe jedoch nicht, warum er nicht als roter Faden dieser ganzen Impro-Welle wahrgenommen wird, die in den vergangenen Jahren die Berliner Filmszene ausmacht.

Berlin hat ganz einfach seine Grenzen?
Es mag sein, dass es in diesem Sumpf hier hängen bleibt. Berlin ist irgendwie extra.

Familienfieber_Regisseur_Nico_SommerDas bedeutet?
Die kulturelle Energie, die herrscht, die bleibt hier. In Essen oder in Stuttgart interessiert es die Leute einen Scheißdreck, ob hier etwas hip ist. Im Filmbereich passiert da schon etwas, gerade durch die HFF Potsdam, um nur mal David Wnendt und seine „Kriegerin“ zu erwähnen. Aber es kommen eben auch gute Leute aus Ludwigsburg oder München.

Zieht improvisiertes Filmemachen seine Kraft aus der ökonomischen Begrenzung?
Ja. Man kann in wenigen Drehtagen einen Film herstellen. Wenn man demgegenüber ein Drehbuch hat, also eine konventionelle Form wählt, ergibt sich automatisch eine Auflösung und ein sich ausweitendes Konstrukt, von dem man denkt, dass es viele Leute braucht, um es um zu setzen. Alles wird groß. Das ist aber ein Irrglaube.

Fühlst Du Dich wohl mit dieser Arbeitsweise oder wünscht Du Dir eine andere Form?
Ich finde sie sehr gut. Was ich jetzt mal machen möchte, ist ein dramaturgisch festes Skript, in dem nicht unbedingt Dialoge enthalten sein müssen, aber in dem alle Szenen wirklich komplett gebaut sind.

Wie schon in „Silvi“ durchleben Deine Charaktere in „Familienfieber“ eine Midlife-Crises. Ihr Alltag wird kurz angerissen und dann sofort zerstört.
Mir geht es um die Zäsur im Leben. Man verändert sich ja ständig. Das trägt gerade in einer Beziehung krasse Früchte. In 15 oder 20 Jahren hat man sich schon mehrfach komplett um sich selbst gedreht und verändert. Eine Zäsur ist allein schon deshalb notwendig, damit man sich neu polen kann. Die Krise ist immer eine Chance. Man muss sie nur richtig anpacken. Das ist eines der schwierigsten Felder im Leben. Aber für mich geht es auch um die Frage: Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn Menschen nicht mehr zusammen bleiben? Muss man zusammen bleiben? Und was bedeutet es, wenn man zusammengeblieben ist?

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Du setzt in „Familienfieber“ auf soziale Gegensätze. Auf der einen Seite gibt es das Proletariat aus Marzahn, auf der anderen die Neuberliner Bourgeoisie, die es sich leisten kann, in einem schlossähnlichen Haus in Brandenburg zu wohnen.
Mir ging es vor allem um die Kinder, die die Welt der Eltern spiegeln. Der soziale Kontext ist nicht wirklich relevant. Die sozialen Schichten lösen sich letztlich in den Kindern auf. Aber man ist eben nicht vor dem Konflikt gefeit, egal ob man arm oder reich ist.


Du arbeitest gern mit einer dokumentarischen Ebene, die in „Familenfieber“ ebenfalls eine Rolle spielt.
Ich mag das einfach. Die Mischung aus Fiktion und Dokumentarischem reizt mich sehr. Ich muss immer irgendwie die Stilistik brechen.

Wieso hast Du diesmal Kapitel eingefügt, die dem klassischen Schema des Dramas entsprechen?
Beziehungen werden in der Psychologie in fünf bis sieben Phasen eingeteilt. Ich habe mich für fünf entschieden und wollte dem Konflikt so eine inhaltliche Struktur verleihen. Der Zuschauer soll sich so rückkoppeln. Er wird auf sich zurück geworfen und muss für sich noch einmal spiegeln, was etwa Routine bedeutet. Oder was es bedeutet, ein Geheimnis zu haben. Oder sich der Frage stellen: Wie viel kann ich meinem Partner erzählen? 

Interview: Martin Daßinnies

„Familienfieber“ läuft am Montag, 14.4., 21:30 Uhr im Passage Kino.

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