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Iris Berben in „Es kommt der Tag“ im Kino

Die RAF ging einst über Leichen, um ihren Furor der Bestrafung auszuleben. Gegen die wieder etablierte Generation einstiger Hitler-Mitläufer war in den 70ern und 80ern jedes gewalttätige Mittel recht. 30 Jahre später setzt sich die nachfolgende Generation mit dieser wütenden Selbstermächtigung aus der Perspektive vernachlässigter Töchter auseinander. Das einstige Prinzip vom Privaten als dem Politischen verkehrt sich mit tragischer Absurdität und spiegelt in Filmen wie „Der Schattenmann“ oder nun „Es kommt der Tag“ auch den aktuellen Zeitgeist: Die Gewalt der Alten kehrt wie ein Spuk zurück und führt in blinden Amok. „Es kommt der Tag“, das Regiedebüt der
gestandenen Drehbuchautorin Susanne Schneider, greift zudem das heiße Thema „richtiger“ Mutterschaft auf und konstruiert eine fiktive Geschichte gnadenloser Abrechnung zwischen einer un­tergetauchten Ex-Terroristin und deren „fremder“ Tochter, die sie einst zur Adoption freigab.
Iris Berben und Katharina Schüttler, die beiden Hauptdarstellerinnen, liefern sich einen wahrlich ungeschminkten, exzessiven Kampf, der den Film sehenswert macht, aber doch ungleiche Gewichtungen offenbart. Die persönliche Vorgeschichte der Alice (Katharina Schüttler) bleibt ausgeblendet. Ihr Motiv, die leibliche Mutter zu entlarven, zu demontieren und auszuliefern, weil sie sich von ihr verlassen glaubt, unterstellt einzig eine unerbittliche „Stimme des Blutes“, die eher einer um Thrill bemühten Drehbuchanleitung als der Vielfalt sozialer Beziehungen entspricht.
Alice erkennt ihre Mutter auf einem aktuellen Zeitungsfoto und reist wie ein zornbebender Engel der Vergeltung zu dem elsässischen Weingut, wo sich Judith (Iris Berben) eine arbeitsame, scheinbar idyllische neue Exis­tenz mit ihrer Familie aufgebaut hat. Ihrem Mann (Jacques Frantz) und den pubertierenden Gören hat sie die alte Identität und ihre mögliche Schuld an der Erschießung eines Polizisten nie preisgegeben. Der Film findet eindringliche Bilder für das Misstrauen zwischen Judith und der jungen, unter dem Vorwand eines Unfalls ins Haus geschneiten jungen Frau. Die Provokationen der bösartig verletzlichen Alice, die das labile Familienklima allmählich kippen, sind mit feinem Gespür fürs Skurrile inszeniert. Ein Psychodrama, das die verlorenen politischen Vorstellungen der Post-68er-Generation gegen den Diskurs um die „Rabenmütter“ aufrechnet und mit deutscher Gründlichkeit für justiziable Gerechtigkeit sorgt.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Es kommt der Tag“ im Kino in Berlin

Es kommt der Tag, Deutschland 2009; Regie: Susanne Schneider; Darsteller: Iris Berben (Judith), Katharina Schüttler (Alice), Jacques Frantz (Jean-Marc); Farbe, 104 Minuten

Kinostart: 1. Oktober

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