Kino & Stream

Irrwege eines Sexsüchtigen – „Shame“

ShameIn einem Anfall von Selbstekel schmeißt Brandon irgendwann seine ganze Sammlung weg: Mehrere schwarze Plastiksäcke voller Pornohefte und Sexspielzeug wandern in den Müll, selbst das Laptop kommt weg und mit ihm der direkte Zugriff auf den Schweinkram, der im Internet allgegenwärtig ist. Auf dem Pfad der Selbstzerstörung ist Brandon einen weiten Weg gegangen. Geil ist für ihn schon lange nicht mehr geil.
Minutiös folgt der britische Künstler und Filmemacher Steve McQueen in seinem zweiten Spielfilm den Irrwegen eines sexsüchtigen New Yorkers. Er zeigt einen gepeinigten Mann, dem die Lust am Sex abhandengekommen ist und der bei aller Gier nach Intimität keine wirkliche Nähe zulassen kann. Nur seine manisch-depressive Schwester Sissy, mit der ihn offensichtlich ein traumatisches Kindheitserlebnis verbindet, fordert ihn in seiner Beziehungsunfähigkeit immer wieder heraus. Doch auch wenn McQueen gerade beim Aufeinandertreffen der geplagten Geschwister immer wieder anrührende Szenen gelingen, kann seine erneute Zusammenarbeit mit dem Ausnahmeschauspieler Michael Fassbender nicht mit der Wucht seines Debüts „Hunger“ mithalten.
Nach all den Grenzüberschreitungen, die man in den letzten Jahren auf der Kinoleinwand sehen konnte, wirken Brandons sexuelle Eskapaden eher verklemmt als verstörend, und McQueen scheint sich auch nicht so recht darüber im Klaren gewesen zu sein, ob sein Film nun eine Parabel über die Zerstörung der Lust durch die ständige Verfügbarkeit von Sex sein soll oder ob er die individuelle Geschichte eines Mannes erzählen will, den ein nicht näher bestimmtes Trauma zu kaputten Zwangshandlungen treibt.
Was noch lange nachwirkt, ist dagegen das Bild von New York, das McQueen zeichnet: eine kalte und herzlose Stadt, in der jeder sich selbst überlassen ist.      

Text: Heiko Zwirner

Foto: PROKINO Filmverleih

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Shame“ im Kino in Berlin

Shame, Großbritannien 2011; Regie: Steve McQueen; Darsteller: Michael Fassbender (Brandon Sullivan), Carey Mulligan (Sissy), James Badge Dale (David); 101 Minuten;
FSK 16

Kinostart: 23. Februar

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Steve McQueen

 

Mehr über Cookies erfahren