Animationsfilm

„Isle of Dogs – Ataris Reise“ im Kino

In seinem vergnüglichen Animationsfilm „Isle of Dogs – Ataris Reise“ dekliniert Regisseur Wes Anderson erneut die ihm liebgewonnenen Aspekte durch

2018 Twentieth Century Fox

In einer speziellen Hinsicht ist Wes Anderson ein Filmemacher in der Tradition von Leo McCarey und Howard Hawks. Dabei geht es nicht darum, dass Anderson für seine Filme in der Regel die Gattung der Komödie wählt, die auch die beiden Hollywood-Altmeister so exzellent beherrschten. Sondern um die Struktur der erzählten Geschichten, die nicht unbedingt einem geradlinigen Plot mit ­erkennbarem Spannungsbogen folgen. Sie ­wirken eher wie ein Puzzle aus amüsanten, aber nicht immer zusammenhängenden kleinen Einzelteilen.

McCarey und Hawks füllten die Löcher im Plot ihrer Screwball-Komödien mit Gags im Sekundentakt, bei Anderson hingegen bleiben diese Löcher stets spürbar. Sie machen letztlich die Atmosphäre seiner Filme aus, diese sehr spezielle Mischung aus Melancholie, ­Exzentrik und trockenem Humor. Das Ganze hat immer etwas von einer Bastelarbeit auf ­hohem Niveau, und das gefällt nicht jedem. Doch wer den ­Zugang zu Andersons Filmen einmal gefunden hat, liebt sie heiß und innig.

Auch Andersons jüngster Film „Isle of Dogs“ ist schon per Definition eine Bastelarbeit: ein aufwändiger Stop-Motion-Animationsfilm mit Puppen, die mit all ihren Regungen für jede Aufnahme immer nur millimeterweise bewegt werden können. Die Arbeit dauert Jahre, und der handwerkliche Aspekt ist immer spürbar in dieser Art des Trickfilms, der nicht auf einen gesteigerten Illusionscharakter abzielt.
Der Plot von „Isle of Dogs“ lässt sich in nur einem Satz zusammenfassen. Anderson selbst tut dies in einem kleinen Prolog, der – angelehnt an japanische Rollbilder – davon erzählt, wie in einer fernen Vergangenheit der Katzen liebende Kobayashi-Clan in Japan die Hunde auszurotten versucht, während ein Samurai-Knabe sich ihren Plänen entgegenstellt.

Die Fortsetzung dieser Geschichte verlegt der Regisseur sodann in eine nahe Zukunft, in der ein Kobayashi als Bürgermeister die Stadt Megasaki regiert. Die dortigen Hunde leiden an Krankheiten wie Hundegrippe und Schnauzenfieber, weshalb der Beschluss gefasst wird, sie auf eine der Küste vorgelagerte Müll-Insel zu verbringen. Später wird sich dies als Verschwörung erweisen, die darauf abzielt, die Hunde umzubringen und sie bei den Menschen durch Roboter-Kampfhunde als Haustiere zu ersetzen. Das Quasi-KZ auf der Müll-Insel und die geplante Massenvernichtung lassen dabei deutliche Parallelen zu faschistischen Regimen erkennen.

Dem Bürgermeister entgegen tritt sein entfernter Neffe Atari, der sich auf die Müll-Insel begibt, wo er mit einer Gruppe von ­Hunden nach seinem eigenen Vierbeiner Spots zu suchen beginnt. Hier entfalten sich all jene Motive, die man auch aus anderen Anderson-Filmen kennt. Eine langwierige, von vielerlei Plänen, Karten und Konstruktionszeichnungen begleitete Suche, die nur auf Umwegen zum Ziel führt. Die Idee einer Wahlverwandtschaft von Individuen mit ähnlichen Interessen, die weit bedeutender ist als die tatsächliche Bluts­verwandtschaft.

Der maßgeblichste Aspekt in einem ­Anderson-Film ist jedoch immer die Frage, wer zur Gruppe dazugehört und wer nicht. Denn im Kern erzählt „Isle of Dogs“ noch eine ganz andere Geschichte: die der Domestizierung des Hundes Chief, des einzigen Streuners der zusammengewürfelten Truppe. Sie ist in Andersons von Exzentrikern, Neurotikern und Egoisten bevölkertem Universum der Ausdruck für den ihm wohl wichtigsten Gesichtspunkt: dass wir nicht allein auf der Welt sind und sich ein besseres Leben gestalten lässt, wenn man in der Lage ist, Gefühle zuzulassen. Es bleibt Wes ­Andersons ewiger Wunschtraum.

Isle of Dogs (OT) USA/D 2018, 101 Min., R: Wes Anderson, Stimmen OF: Bryan Cranston, Koyu Rankin, Edward Norton, Bill Murray, Jeff Goldblum, Greta Gerwig, Start: 10.5.

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