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„It Follows“ im Kino

In panischer Angst flieht die junge Frau aus ihrem ­Elternhaus hinaus in die Nacht, sich immer wieder umblickend nach der (für andere unsichtbaren) Bedrohung, von der sie heimgesucht wird. Sie ist furchtbar zugerichtet, als man sie am nächsten Morgen leblos am Strand entdeckt, man möchte lieber nicht im Detail wissen, was mit ihr geschehen ist. Diese Eingangssequenz genügt David Robert Mitchell, um das Grauen heraufzubeschwören, das in den nächsten anderthalb Stunden nicht nachlassen wird.
Sein Film „It Follows“ markiert die Wiedergeburt klassischen Schreckens aus dem Geist des amerikanischen Independent-Kinos – die leeren Straßen eines Vororts von Detroit, wo die Geschichte angesiedelt ist, mögen einem begrenzten Budget geschuldet sein, aber sie stehen auch für städtischen Verfall und für eine Teenagerwelt, aus der die Erwachsenen ausgeschlossen sind.
„Jay hat einen neuen Freund, Hugh, der Sex im Auto ist einvernehmlich, aber dann wird er gewalttätig. Er habe ihr einen Fluch übertragen, den sie wieder loswerden könne, indem sie mit einer anderen Person Sex habe, erklärt er ihr. Bis dahin gelte: Hüte dich vor Menschen, die geradewegs auf dich zukommen und die nur du sehen kannst – das kann ein Mensch sein, den du kennst, oder auch ein Fremder. Er kann sich nur langsam bewegen, hat aber übernatürliche Kräfte. Diese bekommen Jay und ihre Freundesgruppe bald zu spüren.
Robert David Mitchell debütierte vor fünf Jahren mit „The Myth of the American Sleepover“, einem zugleich liebevoll zugeneigten wie unaufdringlich erzählten Film – ein typischer Indie. Sein Zweitwerk „It Follows“ überträgt diese Erzählweise ins klassische Genrekino und orientiert sich dabei an jenen Filmen, die den Schrecken nicht durch Zeigen, sondern durch Andeutung, durch eine Atmosphäre des Unheimlichen heraufbeschwören. Filme wie „I Walked With a Zombie“ und „Cat People“, aber auch paranoide Schocker wie „Invasion der Körperfresser“ und „Das Ding aus einer anderen Welt“.
All das verknüpft „It Follows“ hier mit dem Teenagerfilm und der Angst vor AIDS, denn der Fluch wird übertragen durch Sex. Was deshalb auf den ersten Blick wie eine konservative Vision wirkt, erweist sich im Verlauf der Geschichte als zumindest ambivalent: Denn wie uneigennützig ist das Angebot zweier männlicher Freunde, die Jay anbieten, mit ihr zu schlafen, um den Fluch von ihr zu nehmen? Durch seine im Alltag verankerten Figuren ist dieser Film meilenweit entfernt von den Abziehbildern, die man sonst im Genrekino zu sehen bekommt, mit seinen sorgfältig komponierten Cinemascopebildern verrät er aber auch visuelles Talent. Ein Kleinod.

Text: Frank Arnold

Foto:
2014 It Will Follow, INC.

Orte und Zeiten: „It Follows“ im Kino in Berlin

It Follows (OT) USA 2014; R: David Robert Mitchell; D: Maika Monroe (Jay), ?Keir Gilchrist (Paul), Daniel Zovatto (Greg); 100 Min.

Kinostart: Do, 09. Juli 2015

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