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"Ixcanul" im Kino

"Ixcanul" im Kino

Die Träume, die das 17-jährige Maya-Mädchen Maria und ihre Eltern von ihrem zukünftigen Leben haben, sind gleich und doch völlig verschieden: Die Verbesserung ihrer Lebensumstände steht für die armen Arbeiter auf einer Kaffeeplantage im Hochland von Guatemala im Vordergrund. Doch während die Eltern an mehr ­materielle Sicherheit denken, wünscht sich Maria – ­deren Heranreifen als Frau von den anderen unbeachtet bleibt – vor allem mehr Selbstbestimmtheit.
Dass es die nicht geben kann, davon ­erzählt Jayro Bustamantes Drama "Ixcanul", das 2015 bei der Berlinale den Alfred-Bauer-Preis (für neue Perspektiven der Filmkunst) gewann. Die Eltern würden Maria gern mit dem Vorarbeiter Ignacio verheiraten. Der hat zwar bereits Kinder aus einer vorherigen Ehe, doch er hat auch ein Haus, ein Auto und den besten Job, den sich die von ihm abhängigen Arbeiter vorstellen können. Bustamante ­inszeniert nun ein großes Treffen der beiden Familien, bei dem der Handel abgeschlossen werden soll, als ein Fest, bei dem die Hauptperson nur selten ins Bild kommt und einfach übergangen wird: Alle reden über Maria, doch niemand mit ihr. Und wenn doch, dann nur in Form von absurden Suggestivfragen wie "Du liebst ihn doch, nicht wahr?"
Aber Maria hat eigene Pläne: Sie klammert sich an den Wanderarbeiter Pepe, der ihr vom Auswandern in die USA vorgeschwärmt hat und für das vage Versprechen, sie mitzunehmen, ihre Hingabe fordert. Ein weiterer tragischer Tauschhandel also, dessen Wertlosigkeit Maria in ihrer Naivität nicht erkennt. Wenig später hat sich der Trunkenbold und Tunichtgut aus dem Staub gemacht, und ­Maria ist schwanger. Und auch wenn der Plot des Dramas, dessen Themen Bustamante zunächst in Workshops mit der indigenen Bevölkerung erarbeitete und schließlich mit Laiendarstellern umsetzte, damit lange nicht auserzählt ist, scheinen alle Träume erst einmal geplatzt.
"Die Qualität von "Ixcanul" liegt allerdings nicht allein in der Idee, entrechteten Menschen eine Stimme zu geben. Sondern vielmehr in der Fähigkeit des Regisseurs, große Kinobilder von intensiver Farbigkeit für seine Erzählungen von einer kleinen, entfernten Gemeinschaft zu finden und dabei ein sehr komplexes Bild eines Lebens zwischen harter Arbeit und einer fremd wirkenden Spiritualität zu zeichnen. Hier wird Dramatisches nur selten laut und aufgeregt verhandelt.
Dem aktiven Vulkan, an dessen Fuß die Protagonisten leben, Opfergaben zu bringen, oder die unvermutete weibliche Solidarität der Mutter, als Marias Schwangerschaft nicht mehr zu verheimlichen ist und Abtreibungsversuche keinen Erfolg haben, spielen dabei ebenso eine Rolle wie das berechtigte Misstrauen der Maya gegenüber der spanisch­sprachigen Bevölkerung, von der man im Laufe von Jahrhunderten nie Gutes zu ­erwarten hatte.
Auch Maria wird die – im Grunde erhoffte und trotzdem unerwartete – Begegnung mit der modernen Welt kein Glück bringen. Natürlich ist der Vulkan auch ein Symbol. ­Ixcanul, so Bustamante, sei ein Begriff aus der Maya-Sprache Cakchiquel und würde in etwa bedeuten: Die Kraft, die im Inneren des Berges brodelt und hinaus will. 

Text: Lars Penning

Foto: Kairosfilm

Orte und Zeiten: Ixcanul

Ixcanul Guatemala/F 2015, 91 Min., R: Jayro Bustamante, D: Maria Mercedes Conroy, Maria Telon, Manuel Atъn??

Kinostart: Do, 31. März 2016

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