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„J. Edgar“ im Kino

J. Edgar

Selbst als Leiche verbreitete der mächtige FBI-Chef John Edgar Hoover noch Angst und Panik. Nur wenige Stunden nach seinem Tod durchsuchten Agenten der Regierung sein Haus und Büro – wahrscheinlich von Präsident Nixon höchstselbst geschickt. Wie viele andere Politiker in Washington fürchtete Nixon Hoovers Geheimakten – und war gleichzeitig scharf auf sie. Sie waren im Laufe von Hoovers 48-jähriger Amtszeit angelegt worden und enthielten brisantes Material über höchste Würdenträger, Funktionäre und Prominente. Doch die erpresserischen Akten blieben unauffindbar.
In Clint Eastwoods biografischem Drama „J. Edgar“ sieht man, wie Hoovers Sekretärin und Vertraute Helen Gandy (Naomi Watts) die Unterlagen in den Reißwolf steckt. Eine wahrscheinliche Variante. Aber es kursieren auch andere Mutmaßungen über die Aktenbeseitigung. Das ist bei J. Edgar Hoover nicht verwunderlich. Seine Lebensgeschichte ist durchsetzt von Legenden, Täuschungen und Versteckspielen. Der Mann, der davon träumte, über jeden US-Bürger eine Karteikarte in einem Zentralregister anzulegen, erscheint selbst als nicht greifbar. Der Film nimmt das auf und operiert anfangs mit schummrigen Bildern. In diesem Halbdunkel beginnt J. Edgars Karriere – und sein Weg wird nicht ins Licht führen. Klarheit und Helligkeit hat Eastwood für seinen Titelhelden (sensationell von Leonardo DiCaprio verkörpert) nicht vorgesehen.
J. Edgar„J. Edgar“ umspannt die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zu Hoovers Tod 1972. Mit gerade mal 29 Jahren übernimmt er 1924 das spätere Federal Bureau of Investigation – Bundespolizei, Ermittlungsbehörde und Geheimdienst in einem. Zur Geschichte des FBI, das Hoover nach seinen Bedürfnissen geformt hat, zählen der Kon­trollwahn, der antikommunistische Fanatismus, die Erfindung der modernen Kriminologie, der Einsatz von Propaganda und Marketingkampagnen.
Unaufgeregt erzählt Eastwood von dieser Parallelwelt der unkontrolliert agierenden Staatsschützer. Doch der Fokus liegt auf Hoovers Selbstbild. Immer wieder zeigt der Film darum auch Hoovers Blickwinkel, der FBI-Agenten seine Biografie diktiert – natürlich nicht die Wahrheit, sondern die Legende. Dagegen setzen Eastwood und sein Autor Dustin Lance Black, der vor drei Jahren mit „Milk“ den Drehbuch-Oscar für das Porträt der Schwulen-Ikone Harvey Milk gewann, die Geschichte vom verängstigten J. Edgar und seiner dominanten Mutter (Judi Dench). Und sie zeigen Hoover in einer komplizierten Beziehung mit
seinem lebenslangen Begleiter und FBI-Vize Clyde Tolson (Armie Hammer, zuerst gut aussehend, später mit alberner Altersmaske). Über diese Beziehung kann man die verschiedensten Darstellungen finden. Eastwood erzählt sie als eine Liebe, die unerfüllt bleibt, und zeigt sich als diskreter Beobachter – ganz anders als Hoover und seine Geheimakten.

Text: Volker Gunske

Fotos: Warner

tip-Bewertung: Sehenswert

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J. Edgar, USA 2011; Regie: Clint Eastwood; Darsteller: Leonardo DiCaprio (J. Edgar Hoover), Naomi Watts (Helen Gandy), Dame Judi Dench (Anne Marie Hoover); 137 Minuten; FSK 12

Kinostart: 19. Januar

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