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Jacques Audiards „Ein Prophet“ im Kino

So beeilte sich sogar der Staatssekretär im Justizministerium, dem Film einen gewissen Wahrheitswert zuzusprechen, während andere Politiker befürchteten, der Film sei „politically incorrect“. Die Tatsache, dass fast nur arabisch und korsisch im Film gesprochen wird, lasse den Verdacht aufkommen, es gäbe nur diese beiden Bevölkerungsgruppen im Gefängnis. In Korsika erhob groteskerweise die nationalistische Unabhängigkeitspartei Corsica Libera Einspruch gegen den Film – we­gen Propagierung rassistischer Vorurteile. Auslöser dafür war eine Bemerkung eines der Drehbuchautoren, Abdel Raouf Dafri, über die korsische Mafia und ihren Hass gegen die Araber auf der Insel.
Audiard selbst möchte nicht mit seinem Film zum „Monsieur Gefängnis“ gemacht werden, so wie es Laurent Cantet widerfuhr, dessen Film „Die Klasse“ nur noch im Rahmen der Debatte über das französische Erziehungswesen diskutiert wurde, oder Philippe Lioret, der mit „Welcome“ einen nationalen Aufruhr über das Problem der illegalen Immigranten entfachte. Er habe einen Spielfilm und keine Dokumentation oder ein Plädoyer für eine Gefängnisreform gedreht, betont Audiard immer wieder. Für ihn ist das Gefängnis wie eine Lupe, durch die man die Gesellschaft observieren kann. Ein für einen Filmemacher ideales Instrument, das allerdings merkwürdigerweise in Frankreich kaum genutzt wird.
Um seinen Film so realitätsgerecht wie möglich zu gestalten, hatte Audiard nicht nur nach monatelanger Wartezeit Ortsbesichtigungen vorgenommen und Berater hinzugezogen, auch zwei Drittel seiner Statis­ten verfügen über einschlägige Knasterfahrung (und lobten die verblüffende Authentizität des im Studio nachgebauten Gefängnisses).
Anstatt sich auf potenzielle Genre-Vorbilder wie Don Siegel oder Stuart Rosenberg festnageln zu lassen, verweist Audiard lieber auf seine eigenen Obsessionen, die ihn bei diesem Film unterschwellig motiviert haben, wie die Frage, wie viele Chancen man im Leben bekommt und ob man sein Leben überhaupt neu schreiben kann.
Und wenn ja, zu welchem Preis? In „Ein Prophet“ kommt Malik als unbeschriebenes Blatt in den Knast und endet mit einer Geschichte, die er ganz allein für sich geschrieben hat. Und genau hier liegt das Paradox dieses „Bildungsromans“: Sein Held befindet sich sozusagen auf der falschen Seite der Barriere. Es sind die Knastbedingungen, die seine Begabungen wecken, ihn seine eigenen Fähigkeiten entdecken, ihn sein eigenes solides Netzwerk aufbauen lassen. „Es ist die Ironie dieser Geschichte“, so Audiard, „die mich gereizt hat, darüber einen Film zu machen: Dieser Junge verdankt alles seinem Aufenthalt im Gefängnis, und ich glaube nicht, dass er ein Einzelfall ist.“ Man kann sich fragen, was wohl außerhalb aus ihm geworden wäre, ohne diese sechs Jahre hinter Gittern. Wenn, wie Camus es einmal formulierte, eine Gesellschaft am Zustand ihrer Gefängnisse zu messen ist, sollte dieser Film tatsächlich zu denken geben.

Text: Barbara Lorey

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Ein Prophet“ im Kino in Berlin 

Ein Prophet (Un prophиte), Frankreich/Italien 2009; Regie: Jacques Audiard; Darsteller: Tahar Rahim (Malik), Niels Arestrup (Cйsar Luciani), Adel Bencherif (Ryad); Farbe, 155 Minuten

Kinostart: 11. März

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