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Jacques Audiards „Ein Prophet“ im Kino

Im Gefängnissystem mit seinem besonderen Machtgefüge, seiner Schattenökonomie, den brutalen Clans und Codes ist ein jeder dazu gezwungen, sein Lager zu wählen, wenn er unter Schwerverbrechern überleben will. Fast wie ein neugeborenes Kind erscheint Malik (Tahar Rahim) in Jacques Audiards „Ein Prophet“, der seinen Helden dabei beobachtet, wie er auf sich alleine gestellt einen Ausgang aus diesem undurchdringlichen Labyrinth sucht.
Wir erfahren kaum etwas von der Vorgeschichte dieses verletzlich wirkenden, scheuen und unartikulierten 19-Jährigen, der nach seiner Einlieferung zunächst erst mal von den Wärtern nach allen Regeln der Kunst den degradierenden Durchsuchungsritualen unterworfen wird, bevor er seinen Mitgefangenen wie zum Fraß vorgeworfen wird. Der Crashkurs in die Gefängnisregeln lässt nicht auf sich warten. Cйsar Luciano (Niels Arestrup), der Boss des mächtigen Korsen-Clans und Mafia-Pate vom alten Schlag, der von seiner Zelle aus mit eiserner Faust die Spielcasinos an der Cфte d’Azur kontrolliert, wählt ihn aus, einen anderen arabischen Häftling mit einer Rasierklinge zu schächten, ein Auftrag, dem er sich nicht entziehen kann, ohne sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen.
Audiard zeigt ihn als Einzelgänger zwischen den Fronten, der weder von dem Korsen-Clan akzeptiert wird, dessen Mitglieder Malik als dreckigen Araber beschimpfen, noch von seinen muslimischen Mitgefangenen, die ihrem eigenen Führer unterstehen. Von nun an entschlüsselt er die Regeln der Gefängnishierarchie und erlernt, zunächst unter Anleitung seines korsischen Ersatzvaters, die Grundlagen des „mйtiers“, um schließlich, nach außen hin glatt und anpassungsfähig, selber seine Umwelt zu manipulieren und die Schwächen des Systems zu seinen Gunsten auszunutzen.
Mit einer erstaunlichen Zielsicherheit schafft Malik es, sich in diesem komplexen Machtgeflecht zwischen den verschiedenen Zugehörigkeiten seinen eigenen Platz zu erobern. Sein einziger Gesprächspartner und Freund ist das Mordopfer Reyeb, der ihm ab und an als Halluzination oder Inkarnation des schlechten Gewissens erscheint und ihm gute Ratschläge erteilt. Diese beinahe poetischen Wachträume ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film und durchbrechen immer wieder den ansonst bitterharten Realismus.
In Frankreich löste der Film eine Flut politischer Stellungnahmen und öffentlicher Debatten nicht nur über die Lebensbedingungen in den Gefängnissen aus. Auch grundlegende Fragen nach der Funktion der Strafe im französischen Justizsystem wurden diskutiert. Ein heilsamer Schock in einem Land, dessen Haftbedingungen in den hoffnungslos überfüllten, teilweise völlig maroden Gefängnissen zu den schlimmsten in ganz Westeuropa gehören; 122 Selbstmorde von Gefangenen zählte man allein im Jahr 2009. Zwar gibt es schon seit Jahren Bemühungen, eine Reform voranzutreiben, doch beschränkt sich diese im Wesentlichen auf Sanierungsarbeiten und den Bau neuer Gefängnisse und scheitert immer wieder an den notwendigen, fehlenden Mitteln.

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