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Jacques Rivette-Retrospektive im Arsenal

36 vues dun Pic Saint Loup

Welch schöneres Credo hätte sich die Nouvelle Vague geben können als den Titel von Jacques Rivettes erstem Film? Mit „Paris gehört uns“ kündigte sich 1960 eine muntere Inbesitznahme der Straßen an, ein Abschied von der stickigen Studiokünstlichkeit des französischen Nachkriegskinos. Im Debüt breitet Rivette schon viele Motive aus, die ihn in den nächsten Jahrzehnten umtreiben sollten: das Theater, wo die Wirklichkeit als Probe erkundet wird; die Liebe zu Paris als einem Terrain erzählerischer Labyrinthe; und die magischen Bündnisse der Frauen, denen er sich staunend nähert. Seine unermüdliche Faszination gilt den Schauspielern; er filmt sie mit asketischem Stolz. Das Verstreichen der Zeit gehorcht bei ihm einer eigenen Logik. Statt schnöde das Ziel anzusteuern, probiert dieser Regisseur zum Vergnügen zunächst einmal die verlockenden Umwege aus.

Text: Gerhard Midding

Foto: Quelle: Arsenal – Institut für Film und Videokunst

Retrospektive Jacques Rivette, ?Mi 2.10. bis Di 29.10., Arsenal?

www.arsenal-berlin.de

 

Jane Birkin über die Dreharbeiten zu „36 vues du Pic Saint loup“ (36 Ansichten des Pic Saint Loup) von Jacques Rivette

Der Film dauert nur eineinhalb Stunden, weil das für Rivette genau die richtige Länge war. Er weiß sehr genau, was er will, und lässt sich auch nicht reinreden. Er hat eine sehr energische Assistentin, die immer meinte, man sollte noch diese oder jene andere Einstellung aufnehmen. Er sagte dann, sie könne das ruhig machen, aber er würde es bei der Montage wieder herausnehmen und wegwerfen. Manchmal waren wir schon nachmittags um vier Uhr fertig, weil Rivette erklärte, es falle ihm nichts mehr ein, was für heute zu tun wäre. Ich habe mich dann an meinen Computer gesetzt und meiner Tochter Charlotte (Gainsbourg) geschrieben, dass wir schon um vier fertig waren. Später kam von ihr eine SMS: „Bei Lars von Trier musste ich mir heute morgen die Klitoris abschneiden, und dann habe ich an einem Baum masturbiert“. Worauf ich sagte, dass sie wohl mehr Spaß hatte als ich, ich machte gar nichts.
Vor einigen Jahren hatte mich Rivette angerufen und gefragt, ob ich bei einem Film über den Zirkus mitmachen wollte. Ich war begeistert, denn ich liebe den Zirkus. „Mit Tieren?“, fragte ich. Nein, natürlich keine Tiere, sagte er, das ist halt Rivette. Dann drehte er den Film mit Guillaume Depardieu (NE TOUCHEZ PAS LAHACHE, 2007), und ich dachte, der Film über den Zirkus wäre vergessen. Aber er hat mich wieder angerufen und gesagt, dass jetzt das Geld dafür zusammen wäre. Seiner Produzentin Martine Marignac habe ich gleich gesagt, dass sie 10.000 Pfund weniger nehmen soll als das Honorar, das meine Agentin verlangen würde, denn bei diesem Film kam es wirklich auf jeden Penny an. Sergio Castellitto, der ein Schatz ist, hatte von der RAI eine Beteiligung organisiert, wenn etwas in Italien gedreht würde. So fingen wir in Rom an, aber dort wusste Rivette nichts rechtes anzufangen. Wir haben nur eine Szene gedreht, den Monolog im Zirkus, bei dem Kate weint. Dann haben wir unsere Sachen gepackt, sagten „Vielen Dank, RAI!“ und zogen um zum Pic St. Loup. Rivette mag diese Gegend, seitdem er in der Nähe LA BELLE NOISEUSE gedreht hat. Als erstes drehten wir dort die Szene vom Anfang, wo Sergio Castellitto sich um Kates kaputtes Auto kümmert.
Schon als ich am Anfang mit Rivette in meiner Küche über den Film sprach, war mir klar, dass es kein Drehbuch geben würde. Ich wusste lange Zeit nicht, welche Rolle ich eigentlich spielen sollte, ob ich die Hauptperson war oder vielleicht die Mutter des wunderbaren Sergio Castellitto. Bevor wir zu drehen anfingen, hatte ich nur eine Seite mit Text bekommen, den ich in Paris fleißig gelernt habe, das war die Szene auf dem Friedhof. Sonst bekamen wir den Text immer erst kurz vor dem Drehen. Das ist für die Schauspieler eigentlich ganz angenehm, denn niemand ist böse, wenn man mit dem Dialog nicht zurechtkommt, man hat ihn ja gerade erst bekommen.
Rivette ist ein ungewöhnlicher Mensch. Was machte er, wenn wir früh mit dem Drehen fertigwaren? Ich habe dann erfahren, dass er sich in Montpellier zwei Filme angesehen hat. Sonst sieht er sich aber auch oft vier Filme am Tag an, und zwar alles Mögliche, einen Western oder TERMINATOR 6, er ist da gar nicht wählerisch. Er geht nie ans Telefon, man muss ihm Briefe unter der Tür durchschieben. Bei LA BELLE NOISEUSE hatte ich mit ihm darüber gesprochen, ob er auch etwas anderes liest als die „Cahiers du Cinйma“, Le Monde und Libйration. Er sagte dann: Ja, ELLE Magazin, und ich war sehr erstaunt. Aber er erklärte mir, dass er ELLE wegen der Horoskope lese, er habe Vergleiche angestellt, und ELLE habe einfach das beste Horoskop. Seitdem achte ich auch darauf und schaue deshalb bei ELLE nach. Rivette ist pisces, Fische, und wenn er manchmal für ein paar Tage verschwunden ist, kann man vielleicht in ELLE lesen, dass es für Fische keine gute Woche ist.
Bei LA BELLE NOISEUSE habe ich ihm immer Bananen gegeben, weil er so dünn war. Ich habe mich oft gefragt, was er so treibt, ob er ins Bordell geht oder wie ein Mönch lebt. Dabei hat er eine sehr schöne Freundin, die darauf achtet, dass er ordentlich isst, deshalb sieht er jetzt etwas kräftiger aus. Rivette ist wie eine seltene Spezies, die vom Aussterben bedroht ist, man muss auf ihn aufpassen.

Jane Birkin (am 26. Oktober 2009 auf der Viennale). Übersetzt und leicht bearbeitet von Karlheinz Oplustil

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