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„Jane Eyre“ im Kino

Jane Eyre

Aus der Vogelperspektive sieht man eine Frau durchs winterliche Moor laufen, der Regen schlägt ihr ins Gesicht, der Sturm zerrt an ihrer weiten Pelerine, sie stolpert, stürzt und rappelt sich hoch, auf der Flucht vor einer unsichtbaren Gewalt. Cary Joji Fukunaga führt Jane Eyre in den ersten Einstellungen als geschundenes Weib ein und hält doch Abstand zur Courths-Mahler-haften Leidenspornografie, in die filmische Raffungen von Charlotte Brontës berühmtem Roman allzu leicht verfallen.
Nach den Opulenzmaßstäben des Period Pictures wird die Geschichte der eigensinnigen Gouvernante Jane, einer mittellosen Waise aus gutem Hause, und ihrer Liebe zum geheimnisvollen Schlossherrn Rochester zurückhaltend, fast puristisch erzählt. Die szenen- und kostümbildnerischen Details sind minutiös durchkomponiert, vermeiden aber jeden klaren Appell an Fetischismus oder Schaulust. Janes verbale Selbstbehauptung klingt protofeministisch – und hoffnungslos. „Ich will sterben!“ ist der erste Satz des Films, der die Erzählung in Rückblicken auflöst und sich damit der subjektiven Perspektive des Romans annähert. Die Sachlichkeit der Inszenierung setzt sich fort im herben, oft trotzigen Gesicht von Mia Wasikowska. Erst im Gegensatz zur Gradlinigkeit und Unbedingtheit dieser Figur konstruiert sich die Attraktivität Rochesters. Michael Fassbender stattet den Archetypus des düsteren romantischen Helden mit einer subtil-nervösen Männlichkeit aus und macht die Erlösungssehnsucht hinter der Fassade des launischen Zynikers vielleicht etwas zu sichtbar.

Text: Stella Donata Haag

Fotos: Laurie Sparham / TOBIS Film / 2011 Universal Studios 

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Jane Eyre“ im Kino in Berlin

Jane Eyre, Großbritannien 2011; Regie: Cary Joji Fukunaga; Darsteller: Mia Wasikowska (Jane Eyre), Michael Fassbender
(Edward Rochester), Dame Judi Dench (Mrs. Fairfax); 120 Minuten; FSK 12

Kinostart: 1. Dezember

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