Kino & Stream

Japanische Filme auf der Berlinale 2010

„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!“ Die Proletarier des Krabbenkutters vereinigen sich und marschieren auf die Kajüte des Ausbeuters zu. Dem wird das Geldzählen gleich vergehen, und dann weht stolz die Fahne der Internationalen Solidarität im Wind. „Kanikosen“, der neue Film des Berlinale-Dauergasts Sabu, wirkt seltsam aus der Zeit gefallen und ist doch brandaktuell; wie seine Vorlage, der 1929 erschienene, gleichnamige Roman von Kobayashi Takiji. Im vergangenen Jahr, im Zuge der internationalen Finanzkrise, erlebte dieser Klassiker der proletarischen Literatur, der Ausbeutung und Revolte auf einer schwimmenden Konservenfabrik schildert, als Manga eine überraschende Renaissance. Sabu verfilmt den Roman/Manga als spartanisch möblierten, grotesken, artifiziellen, wild entschlossenen Propagandafilm, der nicht nur deshalb tragikomisch wirkt, weil er an den guten Ausgang glaubt.
Ohnehin muss im Angesicht der Kata­strophe unter allen Umständen an den guten Ausgang geglaubt werden. Das belegen auch die weiteren Beispiele aktuellen japanischen Filmschaffens im diesjährigen Programm der Berlinale.
Die trockene Alltagskomödie „Sawako Decides“ („Kawa no soko kara konnichi wa“) von Yuya Ishii zum Beispiel, in der die junge Sawako nach fünf tris­ten Jahren Tokio den Rücken kehrt, um zu Hause an der Küste in der – ja, tatsächlich! – Krabbenkonservenfabrik ihres Vaters einen neuen Versuch in Richtung Glück zu wagen.
Oder der wie sediert wirkende Thriller „Goruden suramba“ („Golden Slumber“) von Yoshihiro Nakamura, der den harmlosen Kurierfahrer Aoyagi zum Mittelpunkt einer politischen Verschwörung gegen den neu gewählten Premierminister macht. Aoyagi hätte keine Chance, dieser Intrige zu entkommen, die selbstverständlich vom korrupten System ausgeht – wären da nicht Freunde und Sympathisanten, hielte nicht die Gemeinschaft der mehr oder weniger normalen Leute zusammen. Eine Gemeinschaft, die in anderen Zusammenhängen andere zum Stillhalten zwingt und sich mit freundlicher Miene und Small Talk in den Vordergrund schiebt, um den Blick in die menschlichen Abgründe zu verhindern.

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