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Javier Bardem über „Biutiful“

bardem_biutifultip: Herr Bardem, „Biutiful“ ist eine moderne Tragödie, in der Sie als Randfigur der Unterwelt von Barcelona ausweglos an Krebs erkranken, und zu Lebzeiten spirituellen Kontakt mit dem Reich der Toten haben. Ist das nicht ein zutiefst deprimierender Stoff?
Javier Bardem: Der Tod ist ein elementarer Teil unserer Existenz und ich verstehe gut, wenn Menschen diese Tatsache lieber verdrängen. Einen Film wie „Biutiful“, der kompromisslos an die Knochen geht, kann man nicht einfach mögen oder nicht mögen. Man muss bereit sein, sich auf diese düstere Reise einzulassen, um am Ende vielleicht Licht und Seele zu finden, die bei oberflächlicher Betrachtung verborgen bleiben. Mich selbst hat dieser Grenzbereich schon immer fasziniert – ob als Schauspieler in „Das Meer in mir“ oder als Zuschauer, der Filme wie Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ bewundert.

tip: Man kann es ja fast mit der Angst zu tun bekommen, wenn man auf der Leinwand Ihren körperlichen Verfall oder den Abschied von Ihren Kindern betrachtet.
Bardem: Die Arbeit leiste ich nicht allein. Ohne he­rausragende Maskenbildner oder Kameraleute nützen Talent und alle Mühen gar nichts. Aber in den 23 Jahren meiner Karriere gab es wirklich kein Projekt, das mich emotional und physisch so sehr an persönliche Grenzen geführt hat. Zum Glück haben wir chronologisch gedreht, anders wäre die körperliche Transformation gar nicht möglich gewesen. Aber was da wirklich auf mich zukam, habe ich erst so richtig begriffen, als wir am zweiten Tag von insgesamt fünf Monaten Drehzeit filmten, wie meine Figur die Krebsdiagnose des Arztes aufnimmt. Alejandro Gonzбles Iсбrritu hat dafür fünfzig Einstellungen gedreht. Ich musste also fünfzig Mal innerlich sterben vor der Kamera – und lernen, meine Kräfte einzuteilen für die lange Reise.

tip: Wie kam es zur Kooperation mit Iсбrritu, dem Regisseur von „21 Gramm“ und „Babel“?
Bardem: Wir trafen uns vor Jahren beim Festival in Cannes und er erzählte, dass er an einem Drehbuch arbeite und mich dafür im Sinn hätte. Sehr freundlich, aber bei ein paar Drinks an der Bar misst man so etwas wenig Bedeutung bei, denn meistens hört man danach nie wieder etwas. Bis Alejandro mich eines Tages in Madrid treffen wollte und mir das Skript vorlegte. Es war in Rot geschrieben, damit es nicht fotokopiert werden kann, und schon dieses dicke, rote Buch jagte mir einen Heidenrespekt ein. Ich las es mehrfach, weil ich als Schauspieler darauf konditioniert bin, zunächst mit Tunnelblick nur meine Rolle zu sehen, und sich die Dimensionen einer Geschichte erst nach wiederholtem Lesen erschließen. Bis mir schwante: Er bietet mir keinen gewöhnlichen Part an, sondern eine gemeinsame Reise, bei der wir enorme Gewichte als Gepäck mit uns tragen würden.

tip: Waren Sie vorher mit den Schattenseiten Barcelonas vertraut, die der Film offenlegt?
Bardem: Ich wusste aus den Medien, unter welchen menschenunwürdigen Umständen zum Beispiel illegale Einwanderer leben müssen. Aber ich hatte keine Ahnung, wie allgegenwärtig diese Zustände inzwischen sind. Das hat längst das Zentrum der Stadt erreicht. Wir haben keine Sets gebaut, sondern ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht: Die illegale chinesische Fabrik im Film zum Beispiel gab es bis einen Monat vor Drehstart wirklich, bevor sie geräumt wurde. Wenn man so will, zeigt „Biutiful“ die Rückseite von Woody Allens „Vicky Cristina Barcelona“. Beides hat im Kino seine Berechtigung.

Biutifultip: Welchen Stellenwert messen Sie dem Gewinn Ihres Oscars für „No Country For Old Men“ bei?
Bardem: Ein Preis macht einen so wenig zu einem besseren Schauspieler, wie man wegen einer schlechten Kritik zu einem schlechteren Schauspieler wird. Man muss vorsichtig beim Umgang mit extremen Höhen und Tiefen in diesem Geschäft sein, denn nichts davon ist real oder von Dauer. Preisverleihungen sind wie Lotterien und man kann Kreativität nicht in Ratings unterteilen. Aber war ich stolz und glücklich wie ein kleines Kind an jenem Abend? Selbstverständlich. Der Film war in allen Belangen fantastisch, und dies mit den Coens und der Crew zu feiern, war eine wunderbare Anerkennung unserer Arbeit.

tip: Zuletzt überschlugen sich Meldungen, dass Sie im nächsten 007-Film als Bösewicht sowie in einer mehrteiligen Adaption von Stephen Kings „Der dunkle Turm“ als Revolvermann antreten. Was reizt Sie an solchen Großproduktionen?
Bardem: Wo haben Sie das her? Aus dem Internet? Da wird zu viel gequatscht, mein Freund. Keine dieser Rollen ist bislang Realität. Ich warte erst auf die fertigen Drehbücher, denn eine wirklich gut geschriebene Figur macht 50 Prozent der Performance aus, die man dann zur anderen Hälfte mit Fleisch und Blut füllt. Es ehrt mich zwar, für solch prominente Projekte überhaupt in Erwägung gezogen zu werden – die glühende Bewunderung von James Bond ist auch Teil der Kindheit spanischer Jungs.

tip: Das ist jedenfalls schon eine andere Kategorie als Woody Allen oder Iсбrritu.
Bardem: Aber in dem Moment, in dem man abwägt zwischen Event- oder Arthouse-Filmen, verliert man schon den Fokus auf den Job. Mein einziges Kriterium ist, ob eine Figur ein auch für mich unerklärliches Feuer entzündet. Brenne ich selbst für eine Rolle, dann kann ich es kaum erwarten, dass der Funke auf das Publikum überspringt. Als nächstes arbeite ich an „Cogan’s Trade“ von Andrew Dominik. Sein „Jesse James“ war für mich einer der besten Filme der letzten Jahre. Der hatte wirklich eine meditative Kraft!

tip: Als Sie ihr Hollywood-Debüt in „Collateral“ gegeben haben, sollen Sie laut Michael Mann Panikattacken wegen der englischen Dialoge bekommen haben. Macht Ihnen die Sprache vor der Kamera noch immer Probleme?
Bardem: Als gebürtiger Spanier macht mir sauberes Englisch grundsätzlich Schwierigkeiten, ich werde sicher nie so akzentfrei sprechen wie etwa ein Skandinavier. Das verändert natürlich die Arbeit, weil ich nicht so intuitiv mit den Worten tanzen kann, wie ich es gewohnt bin. Aber Ängste gehören zu diesem Beruf. Wenn es nicht die Sprache ist, fürchtet man, auf einer anderen Ebene zu versagen. Das ist der Fluch eines jeden Schauspielers. Meine Mutter hat Jahrzehnte auf der Bühne gearbeitet und mir erzählt, dass dieses Gefühl nie verschwindet. Zuerst dachte ich da nur: Fuck! Aber heute weiß ich, dass dieses Gefühl die stärkste Motivation ist. Das hält mich schauspielerisch am Leben.

Interview: Roland Huschke

Die tip-Filmkritik zu „Biutiful“ finden Sie hier.

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