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Jean-Pierre und Luc Dardenne im Interview

Jean-Pierre und Luc Dardenne

tip Viele Jahre waren Sie bekannt für Ihre Arbeit mit Laiendarstellern. Mit Marion Cotillard haben Sie nach Cйcile de France nun zum zweiten Mal eine prominente Schauspielerin verpflichtet. Warum?
Luc Dardenne Warum denn nicht? Wir mochten einfach ihre Filme und wollten unbedingt mal mit ihr drehen. Also haben wir uns mit ihr getroffen. Und siehe da: Ihr gefiel die Idee genauso gut. Das zwischen uns war Liebe auf den ersten Blick, der cineastischen Art. Zunächst schrieben wir eigentlich ein anderes Drehbuch für sie. Doch letztlich klappte es erst im zweiten Anlauf, mit „Zwei Tage, eine Nacht“, der schon seit zehn Jahren in unserer Schublade war. Dabei stand sie ja vor der Herausforderung, alles vergessen zu machen, was wir über sie wissen und von ihr kennen, jede Art von Glamour und Schönheit. Schließlich musste sie eine ganz einfache Fabrikarbeiterin spielen, die um ihren Job kämpft. Aber so gut, wie sie ist, war das für sie ein Kinderspiel.

tip Verändert sich Ihre Arbeitsweise, wenn Sie mit einem Vollprofi wie ihr arbeiten?
Jean-Pierre Dardenne Eigentlich nicht. Zum einen sind um sie herum ja trotzdem nach wie vor zahlreiche Laien zu sehen. Und zum anderen sind wir auch bei ihr nicht davon abgerückt, dass wir vor Drehbeginn fünf Wochen lang proben. Und zwar in den entsprechenden Kostümen und an den jeweiligen Orten, inklusive der Kameras. Das ist die Zeit, in der der Film seinen Rhythmus und seine endgültige Form findet. Auch jemandem wie Marion hilft diese Probenzeit, komplett in der Rolle aufzugehen und sie so zu verinnerlichen, dass später beim Dreh wirklich nichts mehr gespielt werden muss, sondern alles fast automatisch aus ihr herausfließt.
Luc Dardenne Sie müssen sich das vorstellen wie eine fünf Wochen lange Meditationsphase, die uns alle auf den Film vorbereitet!

tip Das Kernthema von „Zwei Tage, eine Nacht“ ist die Solidarität. Wollen Sie Ihr Publikum an einen Wert erinnern, der derzeit in Vergessenheit zu geraten scheint?    
Luc Dardenne Ganz falsch ist das nicht. Uns erschreckt dieses Wettbewerbsdenken, dieser brutale Konkurrenzkampf, in den wir gezwungen werden. Dennoch war unsere Absicht nicht, einen Film über Solidarität zu drehen. Sondern wir wollten die Geschichte dieser Frau erzählen, die uns nicht mehr aus dem Kopf ging.

Zwei Tage, eine Nachttip Wie alle Ihre vorherigen Filme spielt auch dieser wieder in Ihrer belgischen Heimat. Waren Sie nie verlockt, mal woanders zu drehen?
Jean-Pierre Dardenne Nein, das stand nie zur Debatte. In 30 Jahren haben wir eigentlich nie eine Ausnahme gemacht, alle unsere Filme spielen in der Umgebung von Seraing. Da sind wir aufgewachsen, da haben wir unseren ersten Film gedreht. Die Stadt ist eine echte Arbeiterstadt und war deswegen in den 80ern eine der ersten, die von Wirtschaftskrisen erschüttert wurde. Heute hat sie etwas von einer Geisterstadt. Diese Realität hat unser Kino geprägt und inspiriert uns bis heute zu unseren Figuren und Geschichten. Deswegen rechne ich auch nicht damit, dass wir uns so bald anderswohin orientieren.

tip Es ist auffällig, wie Sie immer abwechselnd auf die Fragen antworten. Ist das auch beim Drehen Ihr Modus Operandi? Werden die Entscheidungen immer abwechselnd getroffen, wodurch dann auch nie Streit aufkommt?
Luc Dardenne Schön wäre es (lacht). Es bleibt auch bei uns nicht aus, dass mal ein Konflikt entsteht. Aber ich verstehe ehrlich gesagt gar nicht, warum man solche Fragen immer nur Regisseuren stellt, die zu zweit arbeiten. Auch wer alleine inszeniert, ändert ja immer wieder seine Meinung und muss hin und wieder Kompromisse eingehen. Unser Modus Operandi, wie Sie sagen, liegt also ganz einfach im gegenseitigen Austausch von Ideen.

tip Ohne den anderen können Sie also nicht arbeiten?
Jean-Pierre Dardenne So ist es. Bis vor einiger Zeit waren wir irgendwie noch davon ausgegangen, dass es der eine auch mal alleine schafft, sollte der andere zum Beispiel während des Drehs krankheitsbedingt ausfallen. Aber das sehen wir mittlerweile anders. Tatsächlich ist es so, dass der Blick des anderen fehlt, wenn wir nicht zu zweit arbeiten. Nur gemeinsam können wir uns künstlerisch ausdrücken.

tip Man kann fast die Uhr danach stellen, dass diese Teamarbeit alle drei Jahre einen neuen Film hervorbringt. Das kann fast kein Zufall sein, oder?
Jean-Pierre Dardenne Doch, das ist es! Wir nehmen uns das nicht vor, aber es scheint einfach unser Rhythmus zu sein. Wobei ich das Gefühl habe, dass wir mit zunehmendem Alter etwas schneller werden. Zumindest war „Zwei Tage, eine Nacht“ vier Wochen früher fertig als einkalkuliert. Aber insgesamt brauchen wir wohl rund drei Jahre, um einen Film auf die Leinwand zu bringen. Und man darf auch nicht vergessen, dass es immer mal wieder vorkommt, dass wir eine Weile an Drehbüchern sitzen, die wir dann schließlich doch erst einmal wieder auf Eis legen.

tip Wie oft kommt das denn vor?
Luc Dardenne Das kann man nicht pauschal sagen. „Zwei Tage, eine Nacht“ hatten wir beispielsweise schon zwei- oder dreimal beiseitegelegt, weil wir nicht weiterkamen. Manchmal liegt es nur an einer einzigen Figur, dass die Geschichte nicht funktioniert. Oder daran, dass wir einfach nicht den passenden Darsteller finden. Derzeit liegen jedenfalls sicherlich vier angefangene Drehbücher herum, aus denen eines Tages noch etwas werden könnte. Das werden Sie dann ja in drei Jahren sehen (lacht).

Interview: Patrick Heidmann

Foto oben: Alamode Film

Foto unten: Christine Plenus / Alamode Film / Wild Bunch Germany

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Zwei Tage, eine Nacht“ im Kino in Berlin

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