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Jenseits von „Breaking Bad“: Bryan Cranston

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Begonnen hat alles mit Werbespots für Hämorroidensalbe oder Kaffeeweißer – über 30 Jahre ist es her, als Bryan ­Cranston beschloss, es seinem erfolglosen Vater nachzutun und ebenfalls Schauspieler zu werden. „Meine größte Errungenschaft“, sagt er, „ist meine Konstanz, denn ich habe immer arbeiten und die Familie versorgen ­können. Am Anfang nimmt man Jobs an, um die ­Miete zu bezahlen, dafür muss man sich nicht schämen. Doch wenn man Glück hat und sich tatsächlich Erfolg einstellt, wie ich ihn erleben durfte, wächst auch die Verantwortung, etwas Sinnvolles zu machen aus seiner Karriere. Eben nicht die lukrativsten, sondern die besten Stoffe zu wählen, bei ­denen die Chance besteht, einen Unterschied zu machen. Ganz gleich, in welchem Medium.“
Dafür hat Cranston ein Punktesystem entwickelt, das er „Caps“ nennt, die Kurzform für die „Cranston Assessment Project Scale“. Er vergibt maximal 30 Punkte für Story, Skript, Cast, Regisseur und Rolle – und sagt Projekten nur noch zu, wenn sie in den hohen 20ern landen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass man eine Karriere planen kann“, erklärt er, „und habe das Glück, als Schauspieler nur schwer zu kategorisieren zu sein. Ich bin nicht allzu gut aussehend, und das macht es leichter, wie ein Chamäleon in neue Figuren zu schlüpfen, während ein guter Freund wie Jon Hamm ­physisch ungleich eingeschränkter ist.“
Ein mehr als statthafter Vergleich, denn wo sich „Mad Men“-Star Hamm bisher schwer tut, seiner Sternstunde des Serienfernsehens auch gleichwertige Kino-Rollen folgen zu lassen, ist es Cranston bereits gelungen, die „Breaking Bad“-Jahre schauspielerisch hinter sich zu lassen. Für die Titelrolle in „Trumbo“ wurde er für den Oscar nominiert – und hat es pünktlich zu seinem 60. Geburtstag ­geschafft, nicht mehr definiert zu werden über den ikonischen Part als krebskranker Lehrer, der als Crystal-Meth-Koch ein Crime-Imperium begründet.
„Natürlich werde ich immer dankbar für ‚Breaking Bad‘ sein“, seufzt Cranston, „und als Walter White aufzuhören war ein bittersüßer Moment. Aber die Show endete, als das ­Publikum immer noch hungrig war, der wirklich beste Zeitpunkt.“ Man spürt bei jedem Interview mit Cranston, dass er nach vorn schauen und nicht gefesselt bleiben will von der Über-Figur Walter White. „Das Problem ist nur, dass mir Ruhm nichts gibt und ich zunehmend weniger aus dem Haus gehe. Natürlich freue ich mich über die Fans und ihre ungebrochene Begeisterung, doch als Mensch suche ich andere, persönlichere Gespräche und setze mich in Flughäfen zum Beispiel immer zu älteren Leuten, weil da die Chance höher ist, dass sie ‚Breaking Bad‘ vielleicht gar nicht kennen.“
Im Kino hat man Cranston bisher nur in kleineren Rollen gesehen, als CIA-Mann in Ben Afflecks „Argo“ oder als frühes Opfer in „Godzilla“. Kein Vergleich zu „Trumbo“, in dem er den legendären Drehbuchautoren Dalton Trumbo spielt, der als Mitglied der Kommunistischen Partei auf Hollywoods Schwarze Liste geriet – und dagegen ankämpfte, listig und kettenrauchend – ein Workaholic mit Lust auch an den luxuriösen Seiten des Lebens.
„Trumbo liebte es gleichermaßen reich zu sein und sich für faire Löhne bei Arbeitern einzusetzen“, sagt Cranston über den Stoff, der aus seiner Sicht nichts an zeitgemäßer Sprengkraft eingebüßt hat. „Es geht um das Recht, eine Stimme zu haben und gehört zu werden, ohne dass man deshalb immer der gleichen Meinung sein muss. Der Punkt ist, anderen auch zuzugestehen, dass sie falsch liegen, ohne sie deshalb für schlechte Menschen zu halten. Zensur kann keine Antwort sein, und man braucht kein Kommunist zu sein, um für Meinungsfreiheit und Dialog zu kämpfen.“
„Trumbo“ ist ein klassischer Schauspielerfilm, der ebenso als Bühnenstück funktionieren würde, in dem Cranston hinter Brillen­gläsern und mit omnipräsenter ­Zigarettenspitze völlig verschwindet in ­seiner Rolle, als hätte es Walter White oder seine ersten TV-Serie „Malcolm in the Middle“ nie gegeben. „Ich bin kein Method-Schauspieler“, erklärt er seinen Arbeitsprozess, „sondern wähle eine Rolle so ähnlich, wie man ein ­Blumenbouquet zusammenstellt. Manches an einem Charakter kommt von mir selbst, ­anderes fußt auf Imagination, und wieder ­andere Elemente wurzeln in Recherche. In jedem Fall aber arbeite ich gern hart und fühle mich am wohlsten, wenn ich experimentieren darf.“
Nur die Rückkehr zu einer Fernsehserie schließt Cranston drei Jahre nach dem „Breaking Bad“-Finale kategorisch aus. Zu spannend seien die neuen Möglichkeiten im Kino für ihn als späten Filmstar: Sieben Projekte sind seit „Trumbo“ bereits in verschiedenen Phasen der Produktion, darunter Neues von Wes Anderson und zwei Hauptrollen unter der Regie von James Franco.
„Mein Beruf ist zugleich auch mein Hobby“, erklärt der Workaholic Bryan ?Cranston, „und so gibt es nichts, was mir die Zeit für meine Schauspielerei stehlen könnte. Manchmal gehe ich surfen oder sehe mir ein Baseballspiel an, doch das ist alles gar nichts gemessen an meiner Liebe zum Job. Die Momente zwischen ‚Action‘ und ‚Cut‘ – ich wüsste nicht, was ich im Leben machen sollte, wenn ich diese Möglichkeit zur Selbstverwirklichung nicht hätte.“

Text: Roland Huschke

Foto:
Paramount

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