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Jess Franco-Retrospektive im Babylon Mitte

Eugine

An diesem Mann scheiden sich die Geister. Den einen gelten seine Filme als Trash der dilettantischen Sorte, die anderen verehren sie und ihren Regisseur geradezu kultisch. Eine groß angelegte Retrospektive im Babylon bietet jetzt die Möglichkeit zur Überprüfung der (Vor-)Urteile – und zur Begegnung mit dem Filmemacher: Jess Franco, 82-jähriges Urgestein des europäischen Exploitation-Kinos.
38 zwischen 1964 und 2003 entstandene Filme sind zu sehen; zusätzlich auf dem Programm steht die Dokumentation „Don Quijote de Orson Welles“ (1992), die Orson Welles‘ unvollendet gebliebenen Film der Nachwelt präsentiert. Bei dem hatte Franco 1957 hinter der Kamera assistiert – offensichtlich zur Zufriedenheit des Meisters, denn als der 1965 in Spanien seinen „Falstaff“ drehte, war Jess Franco für die Second-Unit-Regie verantwortlich. Ansonsten umfasst Francos Filmografie eher Titel wie „Lucky M. füllt alle Särge“, „Sie tötete in Ekstase“ und „Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt“: „Schmuddelkino“, anfangs vor allem dem Horror-, später auch gern dem Sex-/Pornogenre verhaftet. Selbst wenn die deutschen Verleihtitel oft schriller sind als die Originaltitel, kann man doch nicht behaupten, dass sie dem, was die Filme zeigen, nicht entsprechen würden. Dabei bringt Franco vor allem in seinen späteren Filmen Sex und Gewalt auf eine Weise zusammen, die das Ansehen manchmal schwer erträglich macht. Dass sie im Babylon Mitte von Blu-ray/DVD in den bestmöglichen Director’s-Cut-Fassungen gezeigt werden, macht angesichts der vielen unterschiedlichen Schnittfassungen der Filme trotzdem Sinn.
„Skurrile Ideen, poetische Momente, betörende Atmosphäre und einprägsame Bilder“ verspricht die Programmankündigung. Sicher ist vor allem die Unbekümmertheit, mit der Franco Genres und Stile mischt. In „Necronomicon“ (1967) etwa wechselt die Szenerie zwischen der Altstadt von Lissabon, einem malerischen Schloss an der Küste und dem Ku’damm (mitsamt der Fußgängerbrücke am Tauentzien) geradezu traumartig hin und her. Bei einer Partysequenz rezitiert Produzent Adrian Hoven Goethe, und Schaufensterpuppen werden lebendig. Im selben Jahr drehte Franco mit „Küss mich Monster“ allerdings auch einen Film, der ähnliche visuelle Elemente mit forcierter Komik verbindet. Da stellt sich einmal mehr die Frage, ob Camp, also das schuldhafte Vergnügen an schlechten Filmen, noch Camp sein kann, wenn er schon als solcher konzipiert wurde. Aber Filme, die Fragen aufwerfen, anstatt Antworten zu geben, müssen ja nicht die schlechtesten sein.

Text: Frank Arnold

Foto: Jupiter Film GmbH

Jess Franco – Back to Berlin, Fr 3.8. bis Mi 15.8. im Babylon Mitte

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