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Jessica Pratt im Monarch

Jessica Pratt

Jessica Pratts Blitzkarriere ist ein schönes Paradox in unserer internet-gesättigten Zeit. Vor etwas mehr als einem Jahr tauchte sie mit einem Knalleffekt auf der Bildfläche auf, den sonst nur kurzlebige YouTube-Hypes für sich reklamieren können. Niemand hatte ihren Namen bis dahin gehört und Informationen über sie waren rar gesät. Ihre Musik besaß hingegen die zeitlose, fast geisterhafte Qualität einer viele Jahrzehnte der Vergessenheit anheimgefallenen Privatpressung aus den Siebzigerjahren, die im Zuge des anhaltenden Folk-Revivals von einem aufopferungsvollen Archivlabel wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden war. In diesem Spannungsverhältnis bewegen sich die elf Lieder auf Jessica Pratts selbst betiteltem Debüt: verletzlich und intim (allein von ihrer Stimme und einer Akustikgitarre getragen), als wären sie nie für eine Veröffentlichung bestimmt gewesen. Und gleichzeitig von einer Selbstsicherheit, wie man sie wohl nur im beschützten Refugium der eigenen vier Wände erlangen kann, bevor Image und Musik viral gehen. Inzwischen wissen wir etwas mehr über Jessica Pratt, auch wenn die Kalifornierin noch immer keinen Twitter-Account hat, ihr Facebook-Profil selten aktualisiert und nur ein einziges Promovideo von ihr im Netz kursiert. Zum Beispiel, dass die meisten Songs ihres Debüts bereits vor sieben Jahren aufgenommen wurden und tatsächlich nur dank einer glücklichen Fügung das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Tim Presley, ein Aktivposten der kalifornischen Neo-Psychedelic-Szene, hörte vor zwei Jahren zufällig ihre Aufnahmen und war sofort gebannt: „Da war etwas in Jessicas Stimme, das mich nicht mehr losließ.“ Dieses Etwas lässt sich schwer beschreiben. Es mag an Pratts Timbre liegen, das die spitzen Töne, bei denen ihre Stimme zu klirren beginnt, genauso beherrscht wie den erdigen Klang, der den Stücken eine Grundierung verleiht, wo sie ins Ätherische abzugleiten drohen. Kleine Imperfektionen im Gesang und in ihrem kontemplativen Gitarrenspiel machen den besonderen Charme der Aufnahmen aus, die Pratts künstlerische Entwicklung zu einem nahezu perfekten Zeitpunkt eingefangen haben. Ihre Unbefangenheit, die keineswegs mit Naivität gleichzusetzen ist, legt einen Reichtum an Klangfarben und Gefühlslagen frei, die nur in vollkommener Isolation eine solche Pracht entfalten konnten. Bei ihrer Berlin-Premiere kann man nun erleben, wie diese Kleinode sich in den vergangenen sieben Jahren entwickelt haben.

Text: Andreas Busche

Foto: Colby Droscher

Jessica Pratt, ?Monarch, Mo 20.1., 21 Uhr, VVK: 8 Euro zzgl. Gebühr

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