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Nach Borat kommt: „Brüno“

brunoIn Hollywood lieben sie den „Money Shot„: Eine Filmszene, die so sensationell gut ist, dass allein sie schon Aufmerksamkeit und hohe Einspielergebnisse garantiert. In Sacha Baron Cohens „Borat“ war das die Rodeoszene, in der Cohen in der Rolle des kasachischen Reporters vor ein Redneck-Publikum trat und den amerikanischen „War of Terror“ („Terrorkrieg“) im Irak lobte, in der Hoffnung, dass Präsident Bush „das Blut jedes Mannes, jeder Frau und ihrer Kinder“ trinken möge. Dafür erhielt Borat Jubelrufe. Vielleicht, weil die Amis über die mögliche Englischschwäche des Kasachen hinwegsahen (das korrekte „War on Terror“ schließlich meint „Krieg gegen den Terror“). Vielleicht aber auch, weil Borat seine Rede vor anscheinend besonders blut­rünstigen Familien gehalten hatte. So oder so: Die Überrumpe­lungs­taktik lieferte tiefere Einblicke in die Gemüter der Ame­rika­ner als manch eine Politanalyse echter Reporter.

In Cohens „Brüno„, erneut eine Mischung aus Doku und Spielfilm, gibt es gleich mehrere „Money Shots„, und wieder werden überwiegend Amerikaner vorgeführt. Es sind unglaublich komische Szenen, die Cohen in der Rolle des schwulen Modejournalisten Brüno gelingen, der „der größte österreichische Superstar seit Hitler“ werden will und deshalb nach Hol­lywood zieht. Etwa die, in der er B-Promis wie Paula Abdul und La Toya Jackson in seine Villa einlädt. Statt auf Möbeln lässt er sie auf seinen „Mexican Chair People“ sitzen, auf Mexikanern, die keuchend auf allen Vieren ihre Rü­cken als Sitzfläche anbieten. Unsicher nimmt Paula Abdul Platz, und dann interviewt Brüno die Sängerin – zu ihren Wohltätigkeitsveranstaltungen für benachteiligte Menschen. Wenig später bricht Abdul das Gespräch ab. Wie auch La Toya Jackson, nur wird sie nicht mehr in der endgültigen Kinofassung zu sehen sein: Nach Michael Jacksons Tod hat Cohen aus „Pietätsgründen“ die Szene entfernt, in der Brüno beim Interview mit allen Mitteln versucht, an Micha­els Telefonnummer heranzukommen.

brunoEs sind völlig perverse Situationen wie die mit den „Mexican Chair People„, die schon Borat und auch den Vorstadtrapper Ali G., Cohens erste Kunstfigur, nicht nur zu Satirikern, sondern auch zu Enthüllungsjournalisten machten: Die Kunstfiguren bringen ihre prominenten Gegenüber dazu, ihre eigene Arbeit zu konterkarieren, und sei es nur aus Verlegenheit, Abgrenzungsschwäche oder Höflichkeit gegenüber dem in jeder Rolle dummköpfig agierenden Cohen. Ähnlich der Rodeoszene aus „Borat“ oder den frühen Skin­head-Interviews Brünos in „Da Ali G. Show“ gibt es auch in „Brüno“ jene Ab-in-die-Höhle-des-Löwen-Szenen, die darauf zie­len, dass man sich aus Angst um die Hauptfigur die Hand vors Gesicht halten möchte. Etwa, wenn der zarte Ösi mit Wildjägern auf die Pirsch geht (und die Truppe in der Nacht gleich wieder verlassen muss, als er nackt und mit Kondomen bewaffnet an das Zelt seines Jägerkumpanen klopft). Oder mit Brüno als Ansager einer „Ultimate Fighting„-Veranstaltung (man stelle sich das Rodeo-Publikum vor, nur mit mehr Stiernacken und weniger Kindern).

Brüno droht hier selbst zum Opfer der Zuschauermeute zu werden, als er mit seinem Assistenten Lutz (Gustaf Hammarsten) unvermittelt zum Petting übergeht und daraufhin allerlei Wurfgeschosse in den Kampfkäfig regnen. Dass „Brüno„, bei dem sich ein grandios komischer Moment an den anderen reiht, überhaupt so gelingen würde, war nicht abzusehen. Der Kasache Borat von 2006 war eine vergleichsweise sichere Nummer: Jener stets freundliche Antisemit und Sexist war eine neuartige Figur aus einem wenig bekannten Land, ein Landtölpel, der eine Projektionsfläche für sämtliche Vorurteile gegenüber Menschen aus dem tiefsten Osten bot, weiter weg als Russland.
Brüno ist weniger subtil: Tuntige Gesten, Mimiken und zweideutige Anzüglichkeiten gehören zum Instrumentarium jeder Schwu­lenparodie. Brünos Potenzial zeigt sich deshalb vor allem in kreativen Outfits wie dem gestrickten Ganzkörperanzug samt Riesenschwanz (in dem er auch zum Berliner Promo-Termin erschien), eine besondere Blödheit im Expertengespräch sowie akzentechtem Kauderwelsch-Österreichisch: „Kugelsack„, „Rock-Arsche“, „Arsche-Stinker“ – das muss man unbedingt in der Original­fassung hören, in der deutschen Synchronisation funktioniert sein Witz überhaupt nicht.

Den ganzen Artikel des tip-Autoren Sassan Niasseri lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 15/2009

tip-Bewertung: Herausragend

Bruno USA 2009; Regie: Larry Charles; Darsteller: Sacha Baron Cohen (Brüno), Gustaf Hammarsten (Lutz), Clifford Banagale (Diesel); Farbe, 83 Minuten; Kinostart: 9. Juli


Da Ali G Show – Brüno-Edition
(DVD) Best-of mit Szenen aus der TV-„Da Ali G. Show“, mit Brüno, Ali G. und Borat; 180 Minuten, Extras: 1 Stunde unveröffentlichtes Material; erscheint bei Pandastorm Pictures/Pandavision, ab 9. Juli

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