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Jetzt im Kino: „Madboy“ von Henna Peschel

rolleVon den hanseatischen Witzblattfiguren Eule und Daddel hat sich der Filmemacher Henna Peschel mittlerweile emanzipiert. Während das Kurzfilm-Serial „Rollo Aller 1, 2, 4“ erfolgreich durch die Lande tourt, schickt dessen Erfinder seinen ers­ten Spielfilm gleich hinterher.

Madboy“ firmiert zwar als „Hamburgs lautester Heimatfilm„, besitzt jedoch auch überraschend sanfte Töne. Zwar fehlt es nicht an starken Sprüchen und martialischen Fights, doch im Zentrum steht die Geschichte einer extrem charmanten Außenseiterbande auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Hier strandet, nach seiner Flucht vom Bauernhof, der Punkgitarrist Schäffke in der Zweck-WG seines alten Schulfreunds Jakobus. Der ist Kunstmaler geworden, seine Mitbewohnerin Nina studiert BWL – abgebrannt sind sie alle drei. Um ihre ganz persönliche Finanzkrise zu beheben, starten die Jungs eine Kriminellenkarriere. Die führt das Trio erst nach Dänemark, dann zu schmerzhaften Kontakten mit türkischen Gangstern und Rohrbombenlegern.

MadboyPeschel hat „Madboy“ aus­schließ­lich mit Newcomern gedreht, und zwar dort, wo die Hamburger Standort-Ideologie den urbanen Raum noch nicht komplett konform schalten konnte. Ebenso widerspenstig wie der Soundtrack der „Hamburger Schule“ (Tocotronic, Sterne) ist der Tonfall seines Films, in dem witzige Enteignungspropaganda neben melancholischer Elbstrand­romantik steht. Und das alles ohne jede Fördergelder! Damit folgt Peschel, ehemals Kameramann bei Klaus Lemke, einem ästhetischen Regelwerk, das sich „Hamburger Armut“ nennt: Es gebietet kleine digitale Kameras, kleine bewegliche Teams. Vorwiegend Laiendarsteller, also Experten des Lebens; kein künstliches Licht. Nicht geschraubte Dialoge, sondern eigenständige Ausdruckskraft. Statt Ausstattungspracht einen realer Drehort. Statt fantastischer Lebens­entwürfe real-ökonomische Wirklichkeit vor lokal bestimmbarem Background. „Madboy“ ist daher ein kleiner Film. Und gleichzeitig großes Kino – das mit Nina Schwabe einen echten Star besitzt. Sogar noch wenn sie trocken über das „utilitaristische Subjektivierungsprinzip“ doziert, ist man ganz Auge, ist man ganz Ohr.

Text: Jörg Schöning

tip-Bewertung: Sehenswert

Madboy Deutschland 2008; Regie: Henna Peschel; Darsteller: Hector Kirschtal (Schäffke), Nina Schwabe (Nina), Jakobus Siebels (Jakobus); Farbe, 75 Minuten; Kinostart: 2. Juli

Rollo Aller 1, 2 und 4 Kurzfilm-Serie mit Rocko Schamoni und Reverend Ch. Dabeler, So 5.7. im Kiki Blofeld, Open Air: ab Mo 6.7. im Smoking Cinema des White Trash, zusammen mit „Madboy“

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