Kino & Stream

Jodie Foster über ihren Film „Der Biber“

Der_BiberViele Ansatzpunkte gibt es nicht, wenn man den Schutzschild der Akteurin Jodie Foster ein wenig knacken möchte, um einen besseren Blick auf die Regisseurin gleichen Namens zu finden. Während sie als Schauspielerin seit Langem vom Alleinstellungsmerkmal zehrt, Geschlechtergrenzen fast ignorieren zu können, ist Foster als Filmemacherin auf ganz andere Weise undefiniert. Fünfzehn Jahre sind vergangen seit ihrer zweiten Regiearbeit „Familienfest und andere Schwierigkeiten“. Jennifer Lawrence, die Filmtochter in Fosters aktuellem, drittem Werk „Der Biber“, wurde damals gerade eingeschult. Das ist natürlich viel zu lange für eine schaffenshungrige Cineastin wie Jodie Foster, die von sich sagt, „nur noch aus tiefer Liebe zu Projekten zur Arbeit“ zu gehen und „komplette Erfüllung erst als Regisseurin“ zu finden, aber zugleich inzwischen auch eine beträchtliche Schattenfilmografie hat.

Anfang 2000 stand Foster nach jahrelanger Vorbereitung nur Tage davor, mit „Flora Plum“ einen Familienfilm über Zirkusfreaks zu drehen. Bis sich Hauptdarsteller Russell Crowe beim Rugby verletzte und das Projekt starb. Noch mehr Zeit investierte Foster anschließend in die Entwicklung eines Filmes über Leni Riefenstahl. Jahre verteidigte sie den umstrittenen Stoff, stand kurz vor der Finanzierung und schwärmte bei Begegnungen lieber vom schwierigen Biopic als von patentierten Thrillern wie „Flight Plan“ oder „Die Fremde in dir“. „Ich bin zu alt für die Rolle und habe mich schweren Herzens von einem Film über Riefenstahls Pionierleistung als Regisseurin verabschiedet“, erklärt Foster inzwischen. Ganz fassen kann sie das Pech der Vergangenheit noch nicht und erinnert an Terry Gilliam, dem wiederholtes Platzen von Herzensprojekten auch nicht den Ehrgeiz ruinierte. Aber auch realisierte Projekte halten unerwartete Herausforderungen bereit: Mitte Mai steht die Cannes-Premiere von „Der Biber“ auf dem Programm, wo Foster erstmals direkte Promo-Unterstützung von dem Mann bekommen wird, dessen private Aussetzer ihre berufliche Entwicklung indirekt gefährden.

Der_Biber„Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie das Publikum reagieren wird“, sagt Foster fatalistisch über den gefallenen Star, der seine letzte Szene in „Der Biber“ just an jenem Tag drehte, an dem ein Mitschnitt seiner telefonischen Hasstiraden gegen seine Exverlobte endgültig sein Image ruinierte. Bittere Ironie: Gibson liefert in „Der Biber“ eine der subtilsten Leistungen seines Lebens als depressiver Mann ab, der an der Grenze zum Suizid eine Handpuppe zu seinem Sprachrohr macht. „Es mag verrückt klingen“, so Foster, „aber für mich tragen die Kämpfe mit seinen privaten Dämonen sogar dazu bei, dass man die Probleme dieser Figur besser versteht. Da will sich jemand verändern, weil er nicht mehr damit leben kann, wer er geworden ist – und wer könnte das besser spielen als Mel?“ Diplomatisch versucht Foster, die schützende Hand über den engen Freund aus gemeinsamen „Maverick“-Tagen zu halten und räumt doch das Problematische an der Personalie ein.

„Ich hätte nie erwartet, den Film auf so einem Nebenkriegsschauplatz verteidigen zu müssen, aber letztlich ist das als Regisseurin im Unterschied zur reinen Schauspielerin auch mein Job – ich habe mir nun mal ausgesucht, jedes Detail der Produktion zu verantworten und Widerständen zu trotzen.“ Um den Weg in eine erhoffte Zweitlaufbahn zu ebnen („Weil ich künftig wesentlich mehr inszenieren als schauspielern möchte“), muss Foster derzeit weiter als gewohnt ihre Deckung öffnen. Während sie als Schauspielerin stets Figuren vorschieben konnte und in einem halben Dutzend tip-Interviews seit „Das Schweigen der Lämmer“ tunlichst um Distanz zu ihrer Person bemüht war, muten die Termine mit der Regisseurin Jodie Foster inzwischen fast therapeutisch an. Dass sie die diffizilen Verhältnisse zwischen (überbegabten) Kindern und (desensibilisierten) Erwachsenen als zentrales Thema sieht, deuteten schon „Familienfest und andere Schwierigkeiten“ sowie ihr Debüt „Das Wunderkind Tate“ an. Als Kinoheldin steht Foster meist für
Demonstrationen der Stärke und den teuer erkämpften Sieg der Gerechtigkeit, als Regisseurin hingegen beobachtet sie behutsam die ganz normalen Psychowracks aus der Nachbarschaft – in Storys, die nie mit weltfremden Happy-Ends blenden.

Der_Biber„Erst wenn mich ein Drehbuch persönlich zutiefst berührt, kann ich einen Film daraus machen“, erklärt Foster, „und immer werden Gefühle angesprochen, die wahrscheinlich schon in mir existierten, bevor ich geboren wurde. Ich benutze das Wort nicht gern, aber als Kind war ich gewissermaßen ein Ausnahmetalent. Das meine ich nicht schulisch. Ich habe die Emotionen von Älteren bereits als Dreijährige verstanden. Das ist ein genauso großes Geschenk wie eine riesige Bürde, weil man sich ständig verantwortlich fühlt, wenn es etwa der eigenen Mutter schlecht geht. Zum Glück konnte ich mich in Kreativität flüchten – aber die Einsamkeit war immer ein Teil dieses Prozesses.“ Ihre Regiearbeiten erzählen von in sich verschlossenen Hauptfiguren, die mit Fragen der Identität hadern, die auch die Einzelgängerin Foster seit den Tagen als Kinderstar („Taxi Driver“) beschäftigen.

In gewohnt kontrollierter Gesprächsmanier möchte sie den biografischen Bezügen der Stoffe jedoch nicht zu viel Bedeutung beimessen und schwärmt lieber von der Kooperation mit dem „Das Leben der Anderen“-Kameramann Hagen Bogdanski, der auch ihrem Film eine „europäische Temperatur“ verliehen habe. Lange hat Foster in Frankreich gelebt und sieht sich doch „als amerikanische Geschichtenerzählerin“. Aktuell steht sie für Polanski und Neill Blomkamp vor der Kamera, während vor weiteren Regieplänen die „Biber“-Bilanz abzuwarten ist. Nervös wirkt Foster keine Sekunde. „Bis heute ist der spannendste Teil am Kino für mich nicht das Schauspielern oder Regieführen“, schließt sie stattdessen, „sondern das Nachdenken. Die Monate, in denen man nachts um vier mit einer Wahnsinnsidee für die Figur aufwacht – darum mache ich diesen Job. Und dass es mir nebenbei gelingt, mich dabei selbst ein wenig besser kennenzulernen, ist ein erfreulicher Nebeneffekt, der die Rückschläge alle aufwiegt. Fast jedenfalls …“

Text: Roland Huschke

Weiter zur Filmkritik

Mehr über Cookies erfahren