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Caligari Festival: John Bock im Gespräch

John Bocktip Herr Bock, in Berlin plante man eine „Somnambule“, und sie hatten gleich einen ganzen passenden Film parat. Schöner Zufall.
John Bock Ja, wirklich. Wir haben gerade einen Stummfilm gedreht im Zusammenhang mit einer Ausstellung „Roboterträume“. In diesem Fall habe ich einen Menschen geschaffen, wie das im expressionistischen Kino der 20er-Jahren häufig vorkam. Mich interessierte die Psychologie des Forschers, das ist bewusst alles sehr klischeehaft. Dann habe ich noch einen Priester als Anspielung auf Ingmar Bergman. Der Priester ist aber auf die Seite gedrückt, nach dem Motto: Du bist böse.
Als Kind habe ich „Das Cabinet des Dr. Caligari“ im Fernsehen gesehen, in einer Sonntagsmatinee. „Das ist ja alles krumm und schief“, habe ich damals zu meiner Mutter gesagt. Und sie antwortete: „Ja, das ist ja gemalt.“ Das gefällt mir bis heute, denn da wird deutlich, dass Film immer Material ist. Schön ist auch, dass keiner quatscht.

tip Wie aufwendig war die Produktion von „Im Schatten der Made“?
Bock Aus Budgetgründen wurde der Film in vier Tagen gedreht, in meinem Atelier, das ja nicht so groß ist. Drehbuch bedeutet bei mir, dass ich alles aufzeichne.

tip Malen Sie auch selbst die Kulissen, die hier ja sehr wichtig sind?
Bock Das macht mein Assistent nach Anweisung. Während wir gedreht haben, wurde jeweils der nächste Set zu Ende gemalt, das heißt natürlich: übermalt. Manchmal war die Farbe noch nass und der Boden klebte, wir mussten den dann mit dem Föhn erst trocken machen. Als der Platz zu eng wurde, haben wir bei meinem Nachbarn weitergedreht, da habe ich noch die Kirche und die Waldsituation aufgebaut.

tip Welche Rolle spielt die Made?
Bock Sie ist das Symbol des Todes. Im Film ist sie ein richtiger Running Gag, in jeder Situation kommt diese doofe Made vor, auch in der letzten Einstellung robbt die Made am Fensterrahmen entlang. Die Made ist eine Teewurst an zwei Stöcken, die von mir und meinem Assistenten bedient wurde.

John Bocktip Durch die Made bekommt der Film auch Verbindungen zu Horror und Gore.
Bock Horror handelt immer auch von Material, der Körper wird zum Material, Finger werden abgeschnitten und auf diese Weise materiell. In meiner Arbeit „Lütte mit Rucola“ habe ich 2006 die „Saw“-Filme verarbeitet.

tip In der von ihnen kuratierten erfolgreichen Ausstellung „FischGraetenMelkStand“ in der Temporären Kunsthalle, die gerade zu Ende ging, gab es auch einen Raum, der „Im Schatten der Made“ hieß.
Bock Da lief der Film aber nicht. „Im Schatten der Made“ ist auch ein Synonym für Parapsychologie, für Geisterbeschwörung und so was. Da bin ich ein großer Fan davon. Das Ektoplasma, das man auf Geisterfotos sieht, ist meistens Tüll. Diese billigen Tricks mag ich.

tip Warum die labyrinthische Anlage von „FischGraetenMelkStand“?
Bock Ich wollte die Künstler zwingen, auf engem Raum zusammenzusein. Künstler wollen ja normalerweise einen schönen großen Raum weit weg vom Kollegen. Nee, das gebe ich denen nicht. Da ging es eher drum, die Künstler wieder zusammenzuschmelzen, eine Zusammenarbeit wie bei Dada.

tip Zu sehen war auch eine Arbeit von Christoph Schlingensief.
Bock Christoph Schlingensief musste dabei sein, es ging ja auch um Berlin, und er verbindet Theater, Film, Kunst. Ich mag seine Position, dass er immer ein Grenzwandler war. Das sollte es öfter geben, dass man zu jemandem sagt: Maler, kannst du mir nicht mal die Hose umnähen? Kunst schiebt oft ein Konzept vor, aber er dachte mit dem Bauch, oder dem Knie, würde Beuys sagen.

Fotos: Oliver Wolff

Lesen Sie hier: Somnanbule – Erstes Internationales Caligari-Festival

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