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John Malkovich brilliert in „Schande“ im Kino

Im nahe gelegenen Goult erledigt Malkovich später ein paar Einkäufe. Er schlendert gelassen, mit weichem Raubkatzengang, über den male­rischen Dorfplatz,
und er erregt kaum Aufsehen. Das sei nicht immer so, merkt er an. Es
störe ihn keineswegs, erkannt zu werden. „Ich grüße freundliche
Menschen gern. Ich mag nur eines nicht: von Fremden auf der Straße fotografiert zu werden. Manche Freunde halten mich für ver­rückt. Aber ich gehe zwei Straßen in Paris entlang und habe 20 Menschen hinter mir, die mich verfolgen; vier oder fünf davon mit Videokamera. Wer sind die? Keine Ahnung. Was soll ich tun? Ich kann diese Leute ja nicht schlagen.
Dabei wissen die meisten gar nicht, wer ich bin. Ich komme ihnen nur
bekannt vor, also halten sie mir die Kameras ins Gesicht und fragen
mich, wie ich heiße. Ich frage zurück, wie sie heißen, aber sie glotzen mich nur verblüfft
an. Wieso ist das so? Man holt sich die Bilder derer, die reich oder
berühmt sind – und stellt sie im Netz aus. Mir kommt das vor wie die Racheaktion eines Mobs aus selbst ernannten Machtlosen.“
Man könnte sich da für einen Augenblick an seine Performance in „Schande“ erinnert fühlen, einen Auftritt, den er gewohnt manieriert anlegt und dabei doch erstaunlich subtil vorgeht: Während seine Figur die Arroganz der weißen Oberschicht
schrittweise in die Demut eines von der afrikanischen Wildnis (und
einem falschen Überlegenheitsgefühl) „Geschändeten“ verwandelt, betont
Malkovich ihre politische und moralische Ambivalenz, ihre
Uneindeutigkeit. „Schande“ bietet mit seiner schlichten, aber
bildstarken Inszenierung viele Lesarten an – und es ist nicht die geringste Stärke Malkovichs und dieser Arbeit, dass einem keine davon aufgezwungen wird.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Schande“ im Kino in Berlin 

Schande (Disgrace), Australien/Südafrika 2008; Regie: Steve Jacobs; Darsteller: John Malkovich (Prof. David Lurie), Jessica Haines (Lucy), Eriq Ebouaney (Petrus); Farbe, 120 Minuten

Kinostart: 17. September

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