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John Malkovich brilliert in „Schande“ im Kino

Wir könnten von Glück sagen, meint die markante Stimme am Telefon leicht belustigt, dass wir ihn überhaupt noch erreichen: Um ein Haar hätte er nämlich gerade seinen Blackberry irrtümlich in der Toilette entsorgt. Aber so geht doch alles seinen Gang: John Malkovich kann uns fernmündlich zu seinem südfranzösischen Landgut dirigieren, das in einem der weiten, dünn besiedelten Täler der Provence, in der Nähe der 400-Seelen-Gemeinde Lacoste mitten im Luberon, liegt. In eigenwilliger Freizeitmode (karierte Flatterhose, dunkelblaue Sneakers, Damen-WC-Logo am T-Shirt unterm hellblauen Jackett) wartet Malkovich kurz nach zehn Uhr vormittags in der Einfahrt seines Hauses.
Seit gut 20 Jahren zählt John Malkovich zu den bedeutendsten Schauspielern des amerikanischen und europäischen Kinos. Seine Karriere hat er am Theater begonnen – in den 70er Jahren als Gründer der Gruppe Steppenwolf. Bis heute ist der 55-Jährige, neben seinen Aktivitäten als Schauspieler, Produzent und Regisseur („The Dancer Upstairs“, 2002), auch auf der Bühne tätig – und er scheint es letztlich mehr zu lieben als das Kino, zu dem er ein eher pragmatisches Verhältnis pflegt: Der Film sei wie eine Skizze, nur ein paar schnelle Striche; das Thea­ter dagegen sei ein Gemälde.
Wie problemlos Malkovich dennoch ganze Filme tragen kann, demonstriert er nun in Steve Jacobs’ „Schande“, der Kino-Adaption eines Stücks Weltliteratur: J. M. Coetzees 1999 veröffentlichter Roman kreist um einen südafrikanischen Literaturprofessor, der sich erst die Karriere durch seine Affäre mit einer Studentin ruiniert – und danach mit seiner Tochter Opfer einer brutalen Attacke durch schwarze Jugendliche wird. Es ist eine Allegorie auf die Transformationen im Post-Apart­heid-Südafrika, über den Versuch, mit den Gewaltmus­tern der Vergangenheit zu brechen. Die überraschend defensiven Strategien der Tochter, mit der traumatischen Erfahrung umzugehen, fordern ihren Vater immer weiter heraus. Eine komplexe Erzählung, in der Malkovich seine Stärken ausspielen kann.
Malkovich bewohnt, wenn er sich in Frankreich aufhält, eine Villa mit Aussicht auf eine pittoresk auf einer Anhöhe gelegene Ruine: Es sind die Überreste des Schlosses des Marquis de Sade – und einer der Gründe, warum sich John Malkovich vor 15 Jahren in der Provence angesiedelt hat. Sein Haus sei „ein bisschen geis­terhaft“, sagt John Malkovich, halb entschuldigend, als er ins Innere seines steinernen Anwesens bittet; Malkovich ist allein hier, seine Familie daheim in Cam­bridge. Seit sechs Jahren lebt er nicht mehr in Frankreich, aus Steuergründen ist er nach Amerika zurückgezogen. Die Vorliebe für de Sade passt zu Malkovich, der den süffisanten Verführer in „Gefährliche Liebschaften“ (1988) gab, den amoralischen Mörder in „Ripley’s Game“ (2002), zuletzt den cholerischen Agenten in „Burn After Reading“ (2008): Zynismus ist seine Spezialität, beunruhigende Charaktere sein Fach. Als Cinephiler möchte er trotz seiner Auftritte in Arbeiten von Raul Ruiz bis Manoel de Oliveira nicht bezeichnet werden. „Vielleicht bin ich einfach nur ein biss­chen neugieriger als viele meiner Kollegen. Wird es mir schaden, in einem Musical aufzutreten? Glaube ich nicht. Mein Auftritt in ‚Con Air‘ hat meine Arbeit mit Ruiz keineswegs behindert. Als erwachsener, professioneller Schauspieler gebe ich jedem Projekt alles, was mir zur Verfügung steht – und gewinne damit oder gehe mit dem Schiff unter. Aber letztlich kümmert mich weder das eine noch das andere.“ Schauspielen hält er für überschätzt: Es sei nur eine Art Handwerk. Darüber groß zu reden sei überflüssig. „Schauspielen ist sehr taktil. Alles ist Ausführung, Arbeit, der Rest ist Blödsinn. Ich kenne ein paar Schauspieler, deren Intelligenz ich ihren größten Fehler nennen würde. Man sollte nicht zu viel denken am Set. Als Schauspieler hat man Demut und nichts als Demut zu bewahren. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht unbeschreiblich protes­tantisch.“

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