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„Jud Süß – Film ohne Gewissen!“ von Oskar Roehler im Wettbewerb

tip Was war Marian für ein Typ?
Roehler Als Schauspieler brachte er alles mit: Er hatte diesen typischen Wiener Schmäh, er war der Verführer par excellence mit dunk­len Abgründen – ein Typ, wie er damals sexy war. Heute darf ja keiner mehr Abgründe haben: Til Schweiger, Matthias Schweig­höfer und so weiter – Männer ohne Schatten. Aber in den 40ern war es noch chic, so eine dunkle Aura zu verströmen. Dann kam hinzu, dass er im System aufsteigen wollte. Zu der Verführbarkeit durch Erfolg und Ruhm kam dann noch der Verrat in der Ehe. Er hat seiner Frau lange vorgemacht, dass er die Rolle nicht spielen würde. Es gab mal eine frühe Drehbuchfassung, in der Marian als ein schmieriger Held in Lackschuhen erscheint, der einen guten Lauf bei Frauen hat und sich dann swingend in dem Naziding hocharbeitet – das war his­torisch aber so nicht der Fall. Die Bedingungen waren ganz anders. Ich habe den Stoff dramatisiert und versucht, ein Gleichnis daraus zu machen: ein Künstler, der im Grunde an seiner intellektuellen Unzulänglichkeit scheitert.

tip Es ist ja ein Wesenszug Ihrer Filme, dass sie immer so ein biss­chen überdrehen, dass sie nie naturalistisch sind …
Roehler Das ist in diesem Fall nicht so. Ich habe mich haargenau an die Fakten und das gut recherchierte Drehbuch von Klaus Richter gehalten. Ich musste die Hauptfigur nur mit einigen Ereignissen verbinden. Ich wollte Marian einfach damit konfrontieren. Das ist dann der Moment, wo ich vielleicht den moralischen Zeigefinger erhebe.

tip Was sehr überrascht: Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels zu besetzen. Bleibtreu kennen wir nur als Komödiendarsteller …
Roehler Gerade deshalb! Der Film ist eine Tragödie. Aber man braucht da immer ein konträres Element: dass Goebbels eine unglaublich intelligente und geschliffene Person war – in seinen Reden, in seinen gesellschaftli­chen Auftritten, dass er messerscharf Anekdoten servieren konnte mit absolut sardonischem Charme – da brauchte ich so einen Schauspieler wie Moritz Bleibtreu. Gerade um das Me­phis­tophelische herauszuarbeiten. Denn das genau war der Goebbels ja. Ein Verführer.

tip Die dritte Hauptfigur ist Veit Harlan. Was war das für eine Figur? Als Filmemacher, als Mensch?
Roehler Von seinem ganzen Ges­tus her, seinem kulturellen Hin­tergrund und seinen Ideen, hing Harlan einem irrationalen Romantizismus an, der sehr viel mit all dem zu tun hat, was einen großen Teil der konservativen deutschen Tradition des 19. Jahrhunderts ausgemacht hat. Wenn man tiefer darüber nachdenkt, ist eigentlich alles, was Harlan gemacht hat, genau auf die Nazi-Ideologie hin ausgerichtet gewesen. Ich glaube, dass er von seiner geistigen Anlage her mit Sicherheit ein Reaktionär war und dass er diese Blut-und-Boden-Filme so oder so gemacht hätte. Er hätte einen Film über Friedrich den Großen gemacht, er hätte einen Film über das ewige Leiden an der Liebe gemacht, an dem die Frau letztendlich verblutet, er hatte diese wagnerianische Aura. Er war ein Spätromantiker.

tip Konnten Sie etwas mit einem Film wie „Inglourious Bas­terds“ anfangen? Mit so einer Art des Zugangs, einer Ge­schichts­fantasie?
Roehler So halb. Solche Fanta­sien habe ich zehn am Tag – Entschuldigung! Mir fallen lauter solche absurden Sachen ein, die ich als deutscher Regisseur leider nicht machen kann. Ich finde dann so etwas wie Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ viel interessanter – der auf puren Fakten basiert und trotzdem so eine wahnwitzige Geschichte erzählt. Der schildert ja diese ganzen Zusammenhänge, wie dieser Mahlstrom des Dritten Reiches funktioniert hat. Danach ist man wirklich schlauer. Und geläutert auch in gewissem Sinne.

tip Gibt es etwas, was Sie schätzen an Harlan? Wo Sie eine Nähe empfinden? Ihn verstehen können?
Roehler Na ja, das Problem ist, wie man damit umgeht, dass er auch ein guter Filmemacher war. Wenn man sich Filme wie „Kolberg“ anschaut oder „Der große König“, die bekanntermaßen als Durchhaltefilme konzipiert waren und das sicher auch sind: Die sind auf eine gewisse Weise so gut gemacht – da muss man wirklich den Hut ziehen. Harlan vermochte es, die offenbar tief verwurzelten heroischen Archetypen aus dem Unterbewuss­ten auf die Leinwand zu bringen, Geschichten, die von Heldenmut handeln, von Opfer, die eine absolute, klare Berechtigung als Sage und Volkserzählung haben, etwas ganz Archaisches, und die halt dann korrumpiert werden, wenn man sie politisch ummünzt. Aber seine Leidenschaft, diese Filme zu machen, bewundere ich. Und die künstlerische Größe, mit der er das gemacht hat. Dass das System die benutzt hat und dass die Filme von vornherein darauf angelegt waren, benutzt zu werden, und dass er das gewusst hat, ist wieder eine andere Sache. Das ist auch klar. Aber hätte er es nicht gemacht, das muss ich auch sagen, hätte es jemand gemacht, der es nicht so gut gekonnt hätte.

Interview: Rüdiger Suchsland

Jud Süß – Film ohne Gewissen
18.2., 19.30,
Berlinale-Palast
19.2., 12.00, Friedrichstadtpalast
19.2., 18.00, Friedrichstadtpalast
19.2., 22.30, Urania
21.2., 23.00, Friedrichstadtpalast

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