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„Jud Süß – Film ohne Gewissen!“ von Oskar Roehler im Wettbewerb

Es gibt ein nie realisiertes Projekt von Stanley Kubrick: Er wollte die Dreharbeiten der UFA darstellen, das Nebeneinander von Handwerk, Kunst, Krieg und totalem Staat – Film im Film im Dritten Reich. Ein wenig klingt Oskar Roehlers neuer Film wie eine Variation dieses Themas. „Jud Süß – Film ohne Gewissen!“, der jetzt im Wettbewerb der Berlinale Premiere hat, erzählt die Geschichte des berüchtigten antisemitischen Propagandafilms von 1940 und seiner drei Macher: Joseph Goebbels, Filmminister im Dritten Reich, Veit Harlan, „des Teufels Regisseur“, unter Hitler gefeiert und nach dem Krieg in Westdeutschland geächtet, sowie sei­nes Hauptdarstellers, des Österreichers Ferdinand Marian. Obwohl er mit einer Jüdin verheiratet war, übernahm er die Rolle, die andere Größen des Nazi-Kinos zuvor abgelehnt hatten, und wurde kurzzeitig zum Star der UFA. Aber schon vor der Kapitulation 1945 war Marian ein gebrochener Mann. 1946 starb er unter ungeklärten Umständen bei einen Autounfall.

tip Wann haben Sie „Jud Süß“ zum ersten Mal gesehen?
Oskar Roehler Erst als ich mit dem Projekt konfrontiert war. Vorher kannte ich ihn nicht. Ich hatte andere NS-Propaganda­filme gesehen. In den 80er Jahren hat man sich im Westberliner Ex’n’Pop solche Sachen wie „Der ewige Jude“ angeguckt. Da lief dieses ganze abgefahrene, böse, verruchte Nazi-Underground-Kino. Dazu hat man dann Wodka getrunken und Crime & the City Solution gehört oder Nick Cave and the Bad Seeds und sich das Zeug reingezogen. Die NS-Zeit hat mich immer schon interessiert. Ich habe mir vieles angesehen, vor allem aber viele Bücher dazu gelesen – die Speer-Tagebücher schon mit 15.

tip Wenn Sie sich an die Wirkung von „Jud Süß“ erinnern …
Roehler Der Film kam mir beim ersten Ansehen unglaublich leicht­füßig, elegant, schnell geschnitten, eindringlich und gut gespielt vor. Man sieht ihn und hat den Eindruck, dass das eigentlich einer der wenigen wirklich guten deutschen Filme ist – vom rassis­tischen Hintergrund natürlich abgesehen. Den würde ich in die Top-Ten-Liste der deutschen Filme aufnehmen – rein stilistisch, rein dramaturgisch, rein in der Hinsicht, wie subtil er die Mes­sage rüberbringt. Das hat ja selbst auch ein Michelangelo Anto­nioni gelobt in der Kritik, die er seinerzeit geschrieben hatte. Heute kennt man ihn kaum noch, weil er zensiert ist, aber ihm eilt ein unglaublicher Ruf voraus: „Giftschrank“, „der schlimmste Propagandafilm aller Zeiten“, „Vehikel für die Judenvernichtung“. Er hat etwas von einem Mysterium. Das ist ja das Tolle: Es ist aus meiner Sicht viel interessanter, dass man ihn nicht kennt.

tip Ihr eigener neuer Film erzählt nun die Geschichte des „Jud Süß“-Hauptdarstellers Ferdinand Marian und zeigt eine Art Making-of von „Jud Süß“. Was steht für Sie im Zentrum?
Roehler Es geht um Verführbarkeit und um Repression. Wie in „Mephisto“. Es geht um eine Hauptfigur, die Schauspieler ist, der die Hauptrolle in „Jud Süß“ angetragen wird, ein Mann, der politisch und intellektuell überhaupt nicht begreifen kann, was der NS-Staat damit vorhatte. Der Film war eines der geistigen Vehikel zur Vorbereitung des Holocaust. Und das ist vielen Leuten sehr früh klar gewesen. Aber diesem nicht gerade intelligenten Ferdinand Marian nicht. Das ers­te Drittel handelt davon, wie das System gegenüber Marian immer repressiver wird. Die Schrauben zogen sich immer enger an. Dann geht es um den Film selbst. Man sieht in nachgestellten Film-im-Film-Szenen, was für eine Wirkung der „Jud Süß“ damals tatsächlich gehabt hat. Der Marian hat ja eine Art „Tour“ gemacht. Zuerst kamen Berlin und Venedig, wo ihm alle zugejubelt haben. Anschließend musste er aber durch Galizien und andere besetzte Gebiete tingeln, wo der Film vor besoffenen Soldaten vorgeführt wurde, die dann Hasssprüche brüllten. Dadurch wurde er selbst zum Alkoholiker – weil das einfach nicht auszuhalten war. Das hätte keiner von uns ausgehalten: Er saß da drin mit diesem groben Pack, die schon längst von den Mordgedanken infiziert waren und nur noch darauf warteten, loszuschlagen. Und musste sich zusammen mit denen eine Vorführung nach der anderen angucken. Das war eine richtige Gehirnwäsche. Danach war der Mann erledigt.

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