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„Jud Süß“ von Oskar Roehler im Kino

Verbale Prügel hat Regisseur Oskar Roehler für „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, sein Melodram um Ferdinand Marian, den Hauptdarsteller in Veit Harlans berüchtigtem antisemitischen Propagandafilm „Jud Süß“ (1940), bereits reichlich bezogen, als der Film im Februar bei der Berlinale zur Uraufführung kam. Schon im Vorfeld der Premiere hatte der Medienwissenschaftler und Marian-Biograf Friedrich Knilli darauf hingewiesen, dass Roehler und sein Drehbuchautor Klaus Richter die Biografie des österreichischen Schauspielers in einem entscheidenden Punkt verfälscht hatten, indem sie ihm eine halbjüdische Ehefrau andichteten, und damit eine heftige Diskussion ausgelöst.
Bei der Premiere wurde dann ordentlich gebuht, anschließend befand die deutsche Kritik Roehlers Werk entweder als ein geschichtsvergessenes Produkt einer haltungslosen Mittendrin-und-voll-dabei-im-Dritten-Reich-Filmwelle, die mit Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ („Hitler als Mensch“) ihren Anfang genommen hatte. Oder der Film wurde als Entschuldigung für Marian betrachtet, der hier als Opfer des Drucks durch Propagandaminister Goebbels und seiner eigenen Entscheidungsschwäche porträtiert wird – eine Darstellung, die nicht zuletzt auch auf Knillis wenig kritische Biographie zurückgeht. Ebenfalls keinen Anklang fand die Darstellung von Goebbels als rheinische Frohnatur durch Moritz Bleibtreu, und schließlich forderte auch noch Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, ein Verbot von „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, weil er ihrer Ansicht nach der Aufarbeitung des Antisemitismus nicht genügend Platz einräume. Er leiste diesem im Gegenteil sogar Vorschub, da er Szenen aus Harlans Film zeige, der bis heute verboten ist und nur unter strengen Auflagen vorgeführt werden kann.
Zumindest gegen den letzten Vorwurf muss man Roehlers Film in Schutz nehmen: Sein Thema ist nun einmal nicht die Aufarbeitung des Antisemitismus, sondern die Verstrickung eines Schauspielers in einen antisemitischen Propagandafilm. Und die besagten Schlüsselszenen aus ebendiesem hat Roehler entweder digital bearbeitet (unter anderem wurden die Gesichter der heutigen Schauspieler einkopiert), oder aber sehr akribisch nachinszeniert. Dabei geht es nicht um irgendeinen dubios-gruseligen Schauwert: In ihrem Kontext lassen sie keinen Zweifel aufkommen an der antisemitischen Stoßrichtung des Originals.
Aber was ist dran an den anderen Kritikpunkten? Roehler hat sich mit dem Argument verteidigt, er habe keine Geschichtsdokumentation gedreht, sondern einen Spielfilm, bei dem publikumswirksame Zuspitzungen schließlich erlaubt seien. Mehr Rock’n’Roll im deutschen Film fordert der Regisseur ja schon seit Jahren.
Aber Rock’n’Roll im Dritten Reich? Darauf kann man gut verzichten, zumal wenn Roehlers Vorstellung davon so aussieht wie Bleibtreus Over-the-Top-Darstellung von Goebbels als giftiger Schmierenkomödiant. Und auch die anderen Argumente greifen nicht: Denn natürlich geht es in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ um deutsche (Film-)Geschichte, ihren finstersten Teil zumal. Und die Erfindung der halbjüdischen Ehefrau Marians ist keine Marginalie, sondern ein absolut zentraler Bestandpunkt der Dramaturgie des Films: Sie bietet Goebbels den Druckpunkt, um den von Tobias Moretti durchaus trefflich verkörperten Marian letztlich zur Annahme der Rolle des „Jud Süß“ zu „überreden“, der sich diverse andere bekannte Schauspieler zuvor verweigert hatten. Damit ist Marian praktisch entschuldigt.
Die Wahrheit sieht anders aus, in jedem Fall deutlich komplexer. Einen interessanten Film hätte man machen können über die Verantwortung des Künstlers in der Nazi-Zeit und die Beweggründe Marians, diese Rolle anzunehmen. Geld, Ruhm, Willensschwäche, Selbstüberschätzung? In Ansätzen findet sich das auch bei Roehler und Richter, am Ende wird es sabotiert durch eine Eindeutigkeit, die sich im Film durchzieht bis zum Schluss, wenn Marians ungeklärter Unfalltod zum Selbstmord aus Gewissensbissen umge­deutet wird.
Der Zwang zur Eindeutigkeit ist ein Problem von „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, das andere ergibt sich aus Roehlers Faszination für Harlans Film selbst, den er jenseits des politischen Inhalts in seiner geschickten Machart durchaus für ein Meisterwerk hält. Und so bedient sich Roehler letztlich der gleichen Mittel – Geschichtsklitterung, publikumswirksames Melodrama, überhitzte Kolportage bis an die Grenze der Lächerlichkeit – um was eigentlich genau zu erzählen? Unschulds-Marian und Rock’n’Roll-Goebbels? Roehlers Eklektizismus und seine Lust an der Provokation sind bekannt, doch von einem Film über ein so zentrales Werk der deutschen Filmgeschichte wie „Jud Süß“, zu dem fast jeder eine Meinung hat, das aber kaum jemand kennt, muss man einfach mehr erwarten. In jedem Fall eher offene Fragen als schlichte Antworten.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Ärgerlich

Orte und Zeiten: „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ im Kino in Berlin

Jud Süß – Film ohne Gewissen, Österreich/Deutschland 2010; Regie: Oskar Roehler; Darsteller: Tobias Moretti (Ferdinand Marian), Martina Gedeck (Anna Marian), Moritz Bleibtreu (Joseph Goebbels); 114 Minuten

Kinostart: 23. September

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