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Jüdisches Filmfestival in Berlin und Potsdam

wagner_and_meDie Sekretärin liest gerade in einem Buch über die Shoah. Ihr Chef fragt: „Ist es lustig? Ich hoffe, es hat ein Happy End!“ Falls Sie die Szene gar nicht komisch, sondern nur abgrundtief geschmacklos finden, dann dürfte Ihnen der Humor der israelischen Fernsehserie „The Office“ eher nicht gefallen. Doch wie in den vergangenen Jahren bemüht sich das Jüdische Filmfestival Berlin & Potsdam auch in seiner 17. Ausgabe einmal mehr darum, einen globalen filmischen Überblick zu Fragen jüdischer Identität und jüdischen Lebens zu geben. Und da gehört unbedingt auch diese Variante der gleichnamigen britischen Sitcom dazu, in der ein übergewichtiger Abteilungsleiter ständig zynische Witze auf Kosten der übrigen Bürobelegschaft macht, die in ihrer ethnischen und sozialen Zusammensetzung ein Kaleidoskop der israelischen Gesellschaft darstellt. Dabei wird rein gar nichts und niemand geschont.

Zielgerichteter und deutlich hintergründiger gestaltet sich der Witz einer weiteren israelischen Fernsehserie: Im Mittelpunkt von „Arab Labor“ steht der arabische Israeli Amjad, ein Zeitungsjournalist, in dessen Alltagsleben sich beispielsweise die Frage stellt, ob der Wasserdruck in den Duschen jüdisch-israelischer Siedlungen wirklich größer ist als in jenen der arabisch-israelischen Wohngegenden, und weshalb eine diesbezügliche Beschwerde dazu führt, dass die Gemeinde gleich das Haus seines Vaters abreißen will. Das Zusammenleben ist beileibe nicht einfach, in „Arab Labor“ aber meist komisch, auch wenn einem angesichts von Diskriminierungen und Vorurteilen gelegentlich das Lachen im Hals stecken bleiben mag.

Neben den Filmen zu Fragen des Mit- und Gegeneinanders in Israel präsentiert das Filmfest zwangsläufig auch Werke, die sich mit dem langen Schatten befassen, die auf die Geschichte der Juden in Europa fallen: So dokumentiert „Being Jewish in France“ beispielsweise das jüdische Leben und den Antisemitismus in Frankreich von der Dreyfus-Affäre bis heute, während der Spielfilm „Protektor“ von Marek Najbrt sich der Kollaboration mit den Nazis in der besetzten Tschechoslowakei annimmt: Die antinaturalistisch inszenierte Geschichte erzählt von der Ehe einer jüdischen Filmschauspielerin, die nach dem Einmarsch der Deutschen ihre Arbeit verliert, und eines Reporters, der beim gleichgeschalteten Rundfunk Karriere macht, in der Hoffnung, sie zu „beschützen“. Doch das stellt sich in diesem stilisierten Moraldrama, in dem sich der Ehemann zusehends rückgratloser die Hände schmutzig macht, nicht erst dann als Irrtum heraus, als der deutsche „Reichsprotektor“ Heydrich in Prag ermordet wird. Das Fahrrad wird dabei zur ständigen Metapher, denn dem Film steht ein angebliches Hitler-Zitat voran: „Der Tscheche ist ein Radfahrer, der, während er nach oben buckelt, nach unten tritt.“

In die Vergangenheit führt auch „The Hangman“, doch das Schöne an Netalie Brauns Dokumentation über den Henker des Massenmörders Adolf Eichmann ist die Tatsache, dass sie den ehemaligen Gefängniswärter nicht auf diese Rolle beschränkt. Stattdessen zeigt sie den heute zutiefst religiösen Shalom Nagar als einen Menschen, der Konsequenzen aus seinem eigenen Trauma gezogen hat, und in seinem Leben immer wieder vehement für Toleranz und humanistische Werte eingetreten ist.

wagner_and_meEine Provokation ist für viele Juden auch die Musik Richard Wagners, des Lieblingskomponisten Adolf Hitlers. Doch der britische Schauspieler Stephen Fry, der einen Teil seiner Verwandten im Holocaust verloren hat, liebt Wagner seit seiner Jugend. In der Dokumentation „Wagner & Me“, die als Festivalgala im Potsdamer Hans Otto Theater gezeigt wird, bewegt er sich mit soviel kindlicher Freude hinter den Kulissen des Festspielhauses in Bayreuth und weiß seine Begeisterung so kenntnisreich zu vermitteln, dass man bald selbst Lust auf die Musik des romantischen Gesamtkunstwerkers verspürt. Dabei macht es sich Fry jedoch nicht unbedingt einfach: So lässt er sich etwa erklären, was die Parteitagsaufmärsche der Nazis mit Wagners „Meistersingern“ zu tun haben und sucht mit einer weisen Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz nach Antworten auf Fragen zum heutigen Umgang mit dem Komponisten. Am Ende aber kommt Fry zu dem Schluss, dass er sich seinen Wagner nicht von den Fehlinterpretationen der Nazis vermiesen lassen will: Die Schönheit von Wagners Kunst sei fundamental „gut“.

Text: Lars Penning

Jüdisches Filmfestival Mi 18. bis Di 31.5., Arsenal und Filmmuseum Potsdam, www.jffb.de

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