Festival

Jüdisches Filmfestival Berlin & Brandenburg 2017

Die Filme des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg blicken auf israelische Kulturkämpfe,
sowjetische Agentinnen und palästinensische Ehekrisen

JFBB

Yossi ist Schlachter in einer koscheren Metzgerei in London. Er hat für jeden ein freundliches Wort und vor allem für die Ladys stets ein kleines Gratis-Schmankerl parat. Prompt feuert ihn deshalb sein Boss. Da Jobs in seinem Metier rar sind, heuert Yossi kurzerhand unter falschem Namen beim arabischen Halal-Schlachter an. Natürlich fliegt der falsche Araber nach kurzer Zeit auf, doch der Clou ist: Seinem neuen Chef ist das ganz wurscht, er möchte den guten Metzger gerne behalten. Der amüsante britische Kurzfilm „The Chop“ (R: Lewis Rose) ist gewissermaßen das inoffizielle Flaggschiff des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg, geht selbiges in seiner 23. Auflage doch mit dem Motto „Nicht ganz koscher“ an den Start.

Das ist auch das Thema des Dokumentarfilms „Praise the Lard“, der einen nur auf den ersten Blick absurden, jahrzehntelangen Streit um das Schwein aufrollt: Während die orthodoxen Juden das in ihren Augen nicht koschere Tier gern vollständig von Israels Boden verbannen möchten, sehen die Bewohner der säkularen Kibbuzim, zu denen auch der Regisseur Chen Shelach gehörte, die Schweinehaltung als Garant für einen wirtschaftlichen Erfolg, der wiederum den Fortbestand ihrer fortschrittlichen Ideen von einem „neuen“ Judentum garantiert. Der Kern des Streits ist also ein Kulturkampf, der an der gesellschaftlichen und staatlichen Identität rührt: national oder religiös, wie will man verfasst sein?

Nicht ganz so dramatisch geht es in einer weiteren Dokumentation über das Essen zu: In „City of Gold“ porträtiert Laura Gabbert den Restaurantkritiker der L.A. Times und Pulitzerpreisträger Jonathan Gold. Den interessieren nicht die Sterneköche, sondern die vielen ethnisch geprägten Restaurants und Foodtrucks in Los Angeles: Gold erschließt mit seinen Texten eine alternative Geografie der Stadt und kommentiert das moderne, multikulturelle Leben, das sie ausmacht.
Ein unglückliches Leben
Spannend ist auch die Biografie von Edith Tudor-Hart, einer der wichtigsten Protagonistinnen der britischen Sozial-Fotografie der 1930er-Jahre. In Wien geboren, war die jüdische Großtante des Regisseurs Peter Stephan Jungk unter anderem Kommunistin, Bauhaus-Schülerin, Montessori-Kindergärtnerin und eine erfolgreiche Spionin des sowjetischen Geheimdiensts KGB, die den Kontakt zum berühmten britischen Doppelagenten Kim Philby vermittelte. In der Dokumentation „Auf Ediths Spuren“ folgt Jungk dem eher unglücklichen Leben seiner Großtante: Er spricht mit Militärhistorikern, Fotoarchivaren, Ex-KGB-Agenten und Familienmitgliedern, stellt historische Momente in kleinen Animationen dar und fragt sich vor allem, wie Edith trotz der bekannten Grausamkeiten des stalinistischen Regimes überzeugte Kommunistin bleiben konnte.

Von zeitgenössischem Leben erzählt hingegen der Spielfilm „Personal Affairs“ der palästinensischen Regisseurin Maha Haj, der mit trockenem Humor einen episodischen Blick auf eine leicht dysfunktionale arabische Familie in Nazareth und Ramallah wirft. Politik spielt in der Mittelstandsfamilie keine Rolle, dafür werden hier jenseits der Klischees und mit viel Sympathie für die Protagonisten Ehekrisen, Bindungsunwilligkeit und Lebensträume verhandelt, wie sie in ähnlicher Weise auch in Hamburg oder Reykjavik auftreten könnten. Doch natürlich ist man immer noch in einem Land mit Sperren und Grenzen: Da wird auch ein streitendes palästinensisches Beinahe-Paar auf dem Weg zum Tangotanzen in den Augen von israelischen Kontrollposten schnell mal zur potenziellen Bedrohung.

Allein der Eröffnungsfilm, die Bestsellerverfilmung „Die Geschichte der Liebe“, ist ein Missgriff: Der Regisseur Radu Mihaileanu („Zug des Lebens“) hat noch nie etwas anderes zustande gebracht als kitschiges Kunsthandwerk.

Jüdisches Filmfestival Berlin & Brandenburg 2.–11.7., diverse Spielorte, www.jfbb.de

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