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„Jugend im NS-Film“ in der Topographie des Terrors

Jungens

Im Jahr 1943 trat ein gutaussehender junger Mann namens Dietmar Schönherr zum ersten Mal vor die Kamera. Er war damals noch keine 18 Jahre alt, und wurde wohl auch nicht gefragt, was er von der Geschichte hielt, die sich Herbert Reinecker da ausgedacht hatte. In „Junge Adler“ von Alfred Weidenmann geht es um Theo Brakke, den Sohn eines deutschen Flugzeugfabrikanten (und damit natürlich: Rüstungsindustriellen), der sich nicht ganz in den Gleichschritt der nationalsozialistischen Gesellschaft einzuordnen vermag. Theo ist Sportler, er gewinnt zu Beginn einen Wettbewerb im Einsitzer. Aber er gewinnt ihn nicht so, wie es die „Grundgesetze des Sports“ vorschreiben. Er gewinnt das Rennen nicht aus „Gehorsam und Disziplin“, sondern weil ihm die Sache Spaß macht.
Die Lehrer bemerken „seine temperamentvolle Art“, und akzeptieren sie notgedrungen, nicht zuletzt, weil sein Vater ein wichtiger Mann ist. Doch es kann in „Junge Adler“ kein Zweifel darüber herrschen, dass Theo lernen muss, was es heißt, ein deutscher Junge im Jahr 1943 zu sein. Das Kino hat wesentlich dazu beigetragen, dieses Wissen zu vermitteln, und zwar von Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Jahr 1933 an. Diesem Umstand widmet sich ab 29. September eine kleine Filmschau mit dem Titel „Jugend im NS-Film“ im Auditorium der Topographie des Terrors. Berlin bekommt damit einen weiteren Ort für zeithistorische Themen, das erste Programm hat es gleich in sich. Denn der Umgang des NS-Regimes mit den Jahrgängen nach 1920 ist in vielerlei Hinsicht der Gegenentwurf zu der Vernichtungspolitik, die das Regime gegenüber Juden und anderen konstruierten oder tatsächlichen Feinden betrieb. Hier geht es um die positive Konstituierung eines deutschen Volkskörpers, in den schon ein ganz normaler Junge wie Theo Brakke schwer inte­grierbar ist, und auch hier geht es um Ausschlussmomente.
JungensDen jungen Leuten, die durch Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel im Sinne des Systems geprägt werden sollten, wurden von Beginn an auch filmische Identifikationsangebote gemacht: „Hitlerjunge Quex“ zählt da ebenso dazu wie die Szenen aus den Parteitagsfilmen von Leni Riefenstahl, in denen teils noch sehr junge Leute für eine Einstellung zum Gesicht des neuen „Dritten Reichs“ werden konnten. Im Programm der Topographie vertritt Hans F. Wilhelms „Die Bande von Hoheneck“ (1934) diese frühe Phase, in der alles noch wie ein Spiel in den Ferien wirken kann – die Überführung eines Diebs auf dem Dorf, die romantischen Burgszenen, das alles konnte die Eingliederung in die Hitlerjugend als pures Abenteuer erscheinen lassen, wie auch noch in „Jungens“ von Robert A. Stemmle aus dem Jahr 1941. In „Junge Adler“ hingegen sieht man sofort, dass es in der Kriegswirtschaft keinen Unterschied zwischen Arbeit, Freizeit und Schule gibt. Latein wird nicht im humanistischen Geist gepaukt, sondern zur Eintrichterung eben der Pflichtideale, die nun schon bald bis zum Äußersten beansprucht werden sollten.
Dass es in diesen Jugendfilmen viel öfter um „Jungens“ als um Mädels geht, ist bezeichnend für die unterschiedlichen Aufgaben, die das Regime den Geschlechtern zuteilte. Die jungen Frauen sind im Programm der Topographie des Terrors vor allem mit einem Programm aus kurzen Dokumentarfilmen vertreten, in denen Rollenbilder bereitgestellt werden: „Bräute auf Schwanenwerder“ oder „FHD-Mädel“, also der Eintritt in den „Frauen Hilfsdienst“. In dem Spielfilm „Ich für dich, du für mich“ wird der Arbeitsdienst auch dadurch in ein positives Licht gerückt, dass eine Beziehung in der Arbeit für das Volk gewissermaßen ein Medium findet, in dem sich die jungen Leute über die latent als selbstsüchtig charakterisierte Liebe hinaus verwirklichen können. Dass der Arbeitsdienst unter Lagerbedingungen stattfindet, wirkt dabei wie eine unwillkürliche Klarstellung dahingehend, dass die Nazis das ganze Land als ein Lager verstanden, an dessen harte Bedingungen die nachwachsende Generation von Beginn an spielerisch gewöhnt werden musste.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: Deutsche Kinemathek

Jugend im NS-Film, Filmreihe in der Topographie des Terrors, Auditorium, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin; Do 29.9., 6.10., 20.10., 10.11., 24.11., 1.12., jeweils 19 Uhr, mit Einführung

www.topographie.de

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