Kino & Stream

Julianne Moore im Gespräch

Julianne Moore

tip Mrs. Moore, stimmt es, dass Sie nur drei Tage Zeit hatten, um sich auf Ihre Rolle in „The Kids Are All Right“ vorzubereiten?
Julianne Moore Nicht ganz – ich war bereits über vier Jahre mit der Regisseurin in Kontakt und wir entwickelten den Stoff gemeinsam. Aber nach unzähligen gescheiterten Versuchen kam die Finanzierung dann wirklich so plötzlich zustande, dass wir über Nacht zum Set aufbrechen mussten. Daran ist aber nichts ungewöhnlich. Die Leute glauben immer, dass man bei einer Independent-Produktion Zeit hätte, genüsslich mit den Rollen experimentieren und abseits der Studios ohne Druck arbeiten könne. Das Gegenteil trifft zu! Die Drehzeit ist so knapp bemessen, dass für Proben wenig und für Fehler gar keine Zeit ist.

tip Finden sich darum in Ihrer Filmographie neben Indie-Perlen auch teure Studiofilme wie „Hannibal“ oder „Jurassic Park“?
Julianne Moore Nein, meine Rollen haben nie etwas mit der Kommerzialität eines Stoffes zu tun. Ich bin auch keine Verfechterin der Logik, dass man nur abwechselnd einen Film für sich selbst und dann wieder einen für die sogenannte Masse machen kann. Manchmal lockt ein Regisseur, ob es nun ein Altmeister wie Ridley Scott oder ein Debütant wie Tom Ford bei „A Single Man“ ist. Aber vor allem werde ich nie müde, das große Abenteuer Menschsein zu untersuchen.

tip Im letzten Jahrzehnt haben Sie in weit über zwanzig Produktionen gespielt – ist Ihr Erfolg auch darauf zurückzuführen, dass Sie keine künstlerischen Risiken scheuen?
Julianne Moore Kann ich nicht beurteilen, aber persönlich bereitet es mir große Genugtuung, wenn ich schwierige Rollen spiele. Da bin ich ein emotionaler Thrill-Junkie und gehe gern jedes Risiko ein. Aber seien wir ehrlich: Etwas Schlimmeres als ein verunglückter Take oder Film kann nicht passieren. Wahrscheinlich ist mein Hang zu ziemlich komplizierten Figuren ein Ausgleich dafür, dass ich privat eher eine Memme bin: Ich habe erst mit 26 Jahren das Schwimmen und das Autofahren gelernt – und bis heute traue ich mich an beides nur mit Grausen (lacht).

tip Dafür haben Sie anders als viele Ihrer Kollegen keine Hemmungen vor Nacktrollen oder queeren Stoffen wie „Chloй“ oder „The Kids Are All Right“?
Julianne Moore Da ist doch nichts dabei, zumal ich eher die bröckelnde Institution der Ehe für das verbindende Element dieser beiden Filme halte. An Nacktheit oder Sexualität finde ich überhaupt nichts schockierend – wenn wir uns ausziehen, sehen wir bekanntlich alle gleich aus. Warum also die Überraschung beim Anblick nackter Körper? Wahrscheinlich besitze ich eine europäische Scheißegal-Sensibilität (lacht). Und was die Küsse mit Frauen an­geht – daran könnte ich mich gewöhnen! Während man bei Männern vor der Kamera nie weiß, ob sie übel riechen oder unrasiert sind, fühlt sich der Mund einer Frau garantiert weich an. Und gut duften wird sie auch.

Julianne Mooretip Wundert es Sie, dass sich überhaupt noch jemand über küssende Frauen im Kino wundert?
Julianne Moore Ein wenig schon. Allmählich sollte die Welt an solche Anblicke gewöhnt sein. Aber ich zögere auch, die Sexualität von Figuren zu sehr zu thematisieren oder Stoffe automatisch zu politisieren. Denken Sie an „Boogie Nights“ – da definierte sich meine Rolle auch nicht über das Pornogeschäft, sondern sehr subtil über zwischenmenschliche Bindungen. Auch in „The Kids Are All Right“ ist die sexuelle Präferenz nur ein Randaspekt. Tatsächlich geht es um die Dynamik einer Familie, die jedem Zuschauer vertraut sein dürfte. Ob straight oder gay, adoptierte oder leibliche Kinder – am Ende halte ich es mit Tolstoi, der sagte, dass alle glücklichen Familie gleich sind.

tip Sie spielen darüber hinaus häufig schwermütige und verzweifelte Charaktere. Gehen Ihnen Figuren mitunter persönlich nahe?
Julianne Moore Nein, ich zähle nicht zu den Schauspielerinnen, die ihre Arbeit mit nach Hause nehmen und unter künstlerischen Phantomschmerzen leiden. Sensibilität sollte man sich für die Realität aufsparen. Vieles an meinem Beruf ist reines Handwerk und wenn es vor der Kamera zu magischen Momenten kommt, frage ich mich selbst manchmal, wie wir das nun wieder geschafft haben – und warum es verdammt noch mal nicht einfach reproduzierbar ist (lacht).

tip An interessanten Rollen scheint es bisher nicht zu mangeln.
Julianne Moore Es gibt für mich nicht mehr oder weniger spannende Projekte als für Kollegen jeden Alters, weil die Branche grundsätzlich nicht übersprüht vor Qualität. Aber man darf auch nicht ständig den Teufel an die Wand malen! Wenn Schauspielerinnen jenseits der Vierzig in jedes Mikrofon lamentieren, dass die Luft dünn wird für gute Jobs, stellen sie sich selbst in ein ungünstiges Licht und erschweren ganz allgemein die Zukunftsperspektiven für alle.

tip Hollywoods Jugendwahn lässt Sie kalt?
Julianne Moore Nein, die Schauspielerei ist mein Geschäft und dazu gehört, dass ich mich um meine Erscheinung kümmere. Das ist reine Routine. Natürlich wünschte ich mir gelegentlich, hübscher zu sein – welche Frau macht das nicht? Früher wollte ich vollere Lippen. Dunklere Haut ohne Sommersprossen. Und ich wollte größer sein – ach, die Liste ist endlos (lacht). Aber wozu? Dieses Grübeln führt zu gar nichts. In meinem Beruf kann man ohnehin nie gut genug aussehen.

tip Planen Sie eigene Regieprojekte?
Julianne Moore Ich habe mich schon einige Male ans Produzieren gewagt und muss Ihnen leider sagen, dass mir als zweifacher Mutter einfach die Zeit fehlt, um für Monate ein Filmteam anzuführen. Ich sehe ja bei meinem Mann, dem Regisseur Bart Freundlich, wie lange es dauert von einer Idee bis zur Premiere – und wie viele andere Ideen begraben werden müssen. Ich mache mir auch keine Illusionen: Ich weiß, dass ich die Mitte meines Lebens überschritten habe. Ich muss meine Kräfte bündeln – und habe zum Glück auch einen Beruf, in dem man nie endgültig ausgebildet ist, sondern ständig etwas Neues lernen muss.

Interview: Roland Huschke

Lesen Sie hier die Filmkritik: „The Kids Are All Right“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren