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Junge Filmemacher in Berlin

Junge Filmemacher in Berlin

Am Ende der Schlesischen Straße, wo der Landwehrkanal in die Spree mündet, sitzt ein knappes Dutzend eher junger Leute in einem abgedunkelten Raum. Eine Gast­dozentin redet mit den Regiestudenten über Funktion und Möglichkeiten des Method Acting. Ein Stapel DVDs liegt für Beispielausschnitte bereit. Seit fast zehn Jahren bietet die Kreuzberger filmArche als wohl älteste und größte selbstorganisierte Filmschule Europas ein dreijähriges Studium in den Fachrichtungen Drehbuch, Regie, Kamera, Montage/Schnitt und Produktion an. Etwa 230 bis 250 Leute sind Mitglied im filmArche e.V. Neben Fördermitgliedern sind das vor allem natürlich die Studenten, die für 70 Euro im Monat Zugang zu Kursen, Workshops und technischer Ausrüstung erhalten, um die geforderten drei Kurzfilme und eine längere Abschlussarbeit zu drehen.
„Bei uns gibt es keinen Frontalunterricht, sondern partizipierendes Lernen“, erklärt Susanne Dzeik. Seit 2006 ist die Kamerafrau Vereinsmitglied, seit dreieinhalb Jahren im Vorstand der filmArche. Das Miteinander auch in den Kursen sei nicht nur für die Studenten interessant, sagt Dzeik. „Viele eta­blierte Filmemacher wie Andreas Dresen, aber auch Lehrer von den Filmhochschulen unterrichten bei uns. Für die ist es reizvoll, dass es bei der filmArche eine sehr lebendige Diskussionskultur gibt.“ Was es bei der filmArche nicht gibt, ist ein staatlich anerkannter Abschluss. Für Dzeik ist das auch gut so, auf die damit verbundene Bürokratisierung will man gerne verzichten. Und sie fügt an: „Es gibt am Ende des Studiums kein Zertifikat, aber das, was später wirklich zählt, ist sowieso, was man an Arbeiten und Projekten vorweisen kann.“
Trotzdem – die Konkurrenz ist nicht weit. Nicht allein staatliche Förderung und Anerkennung des Studienabschlusses machen die beiden großen Filmhochschulen in der Re­gion, die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf Potsdam-Babelsberg (HFF), zur ersten Adresse für die meisten Filmstudenten. Wer dort einen Studienplatz bekommt, hat gute Startbedingungen. Die Vernetzung und Zusammenarbeit mit Fernsehsendern, Produktionsfirmen und Fördergremien machen DFFB und HFF zu Torwächtern und ersten Auswahlgremien des deutschen Filmgeschäfts.
Junge Filmemacher in BerlinDie Plätze hier sind so begehrt wie knapp: An der HFF, die im vergangenen Jahr sämtliche Studiengänge auf BA und MA umgestellt hat, konnten 2012 von 1127 Bewerbern nur 131 zugelassen werden. Diese hohe Nachfrage erklärt den Boom in der Region, von dem neben alternativen Angeboten wie der filmArche auch private Filmschulen und gewerbliche Ausbildungsunternehmen profitieren. Nur: Für die steigende Zahl von Filmschulabsolventen und anderen filmkünstlerisch beziehungsweise handwerklich Qualifizierten gibt es in der Region kaum geeignete Jobs.
„Wer sich für ein künstlerisches Studium entscheidet, muss sich bewusst sein, dass damit keine Arbeitsplatzgarantie verbunden ist“, sagt Andrea Hohnen, Programmleiterin des Nachwuchspreises First Steps, und weist darauf hin, dass auch keine Bildhauerklassen geschlossen würden, weil es nicht genug Stellen für Bildhauer gebe. „Natürlich brauchen wir eine Struktur, die die kontinuierliche Basisförderung künstlerischer Film­projekte ermöglicht“, meint Hohnen. „Es kann ja nicht sein, dass die kreativen Impulse, die Debütfilme oft so aufregend machen, nach dem zweiten Film versanden, weil sich keiner mehr Kreativität leisten kann.“ Das sei aber kein regionales Problem oder eines nur der Fördereinrichtungen. „Die von uns allen finanzierten Fernsehsender sind aufgefordert, sich ihrer Verantwortung für den Nachwuchs zu stellen.“
„Letztlich ist der Bereich wahnsinnig prekär“, hält Susanne Dzeik fest. Immer öfter gebe es Hybrid-Modelle, sagt sie, bei denen Filmemacher noch einen anderen Job haben und ihre Projekte auf alternativen Vertriebswegen zum Publikum bringen. Ein gutes Beispiel für das Filmemachen jenseits traditioneller Strukturen ist der 29-jährige Tom Lass. Der Schauspieler stellt nach seinem schrägen, bemerkenswert direkten Regie-Debüt „Papa Gold“ gerade seine zweite Arbeit „Kaptn Oskar“ fertig. Beide Filme hat Lass aus eigener Tasche finanziert, avisiert ist eine DVD- bzw. VoD-Auswertung, vielleicht auch ein Verkauf ans Fernsehen oder ein kleiner Kinoeinsatz. Berlin biete die größte und vitalste Independent-Filmszene Deutschlands, sagt Lass. „Für angehende Filmemacher sind es gerade das große Netzwerk und die Infrastruktur, die Berlin so attraktiv machen. Es ist nicht schwer, Teammitglieder für kommende Projekte zu finden, und es gibt eine Fülle an Equipment-Verleihen.“
Junge Filmemacher in BerlinDoch es gibt auch Nachteile, die Lass sieht: „Junge Filmteams hinterlassen viel zu oft verbrannte Erde, drehen länger als abgemacht, räumen nicht richtig auf und melden sich nie wieder. Da wird es zunehmend schwieriger, noch Unterstützer wie Sponsoren oder Motivgeber für No-Budget-Projekte zu finden. Das ist schade.“ Natürlich sei viel Selbstausbeutung dabei, meint Tom Lass. „Es ist nicht nur unangenehm, ständig Leute für umsonst arbeiten zu lassen, der Film leidet auch darunter. Ich kann niemandem böse sein, der plötzlich zu einem bezahlten Job wechselt.“ Aber es gehe ihm als Filmemacher noch vergleichsweise gut. Lass hofft, damit irgendwann knapp seinen Unterhalt finanzieren zu können. Würde er heute jungen Leuten empfehlen, zum Filmemachen nach Berlin zu kommen? „Erst mal würde ich allen vom Filmemachen abraten. Wer aber nicht anders kann, der sollte einfach ein paar kleine Filme machen und schauen, was passiert, bevor Entscheidungen fürs Leben getroffen werden. Wenn die Freunde die Filme gut finden, hat das nichts zu bedeuten. Wenn die Eltern die Filme furchtbar finden, dann ist Berlin auf jeden Fall das richtige Pflaster für dich!“

Text: Thomas Klein

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

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