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Junge Filmemacher im Interview: Edward Berger

Edward Berger

tip Herr Berger, wann wurde Ihnen klar, dass Sie Filmemacher werden wollen?
Edward Berger Ich komme aus einer Ingenieursfamilie. Es gab einmal einen Klassenausflug an die Kunsthochschule in Braunschweig, ich war 14 oder 15 Jahre alt. Und da gab es eine Filmklasse. Ich wusste bis dahin nicht, dass so etwas existiert, und habe damals das erste Mal realisiert, dass man auch etwas anders machen kann außer Lehrer oder Arzt oder Ingenieur werden. Als ich meinem Bruder von dieser Idee erzählte, antwortete er: „Da wirst du Taxifahrer.“ Das hat mir einen Dämpfer gegeben. Aber es hat mich nicht losgelassen.

tip Sie haben Film studiert?
Edward Berger Ich war später tatsächlich eine Weile in der Experimentalfilmklasse der Kunsthochschule in Braunschweig. Das war für mich aber nicht wahnsinnig produktiv, denn mich hat es zu Geschichten hingezogen. Ein Freund hat ein Praktikum bei der Firma Good Machine in New York gemacht, das war eine typische Independentproduktion um 1990. Da wurden Filme von Ang Lee, Todd Haynes oder Hal Hartley produziert. Heute heißt die Firma Focus Features, ist also ziemlich gewachsen. Ich habe dort viele Filme in der Vor- und Nachbereitung betreut, von da aus dann einen Studienplatz an der NYU bekommen und dort zu Ende studiert und einen Abschlussfilm gemacht.

tip Wie kam es zur Rückkehr nach Deutschland?
Edward Berger Ich verbrachte einen Sommer in Berlin und habe da ein Drehbuch geschrieben, das in der Stadt spielt. Das habe ich dem Kleinen Fernsehspiel geschickt, daraus wurde mein erster Film: „Gomez“, 1997.

tip Sie haben danach viele Fernsehfilme gemacht.
Edward Berger Ich bekam ein entsprechendes Angebot, fand es interessant und wollte mich ausprobieren. Ich hab nie den Unterschied zwischen Kino und Fernsehen gemacht, damals jedenfalls, jetzt sehe ich das differenzierter. Wenn man einen „Tatort“ gemacht hat, kriegt man plötzlich sieben weitere angeboten. Wenn ich aber weiß, wie das geht, wenn ich mit einem Film kein Wagnis mehr eingehen kann, dann interessiert er mich nicht mehr. Ich wollte immer Autorenfilme machen, wollte meine Stimme einbringen, auch beim Fernsehen. Ich habe nie eine reine Auftragsarbeit angenommen, einen Film nie nur als Job gesehen.

tip Sie wollten unabhängig bleiben?
Edward Berger Ich verstehe mich als Independent-Filmemacher, das blieb mir. Ich habe die ganze Zeit auch versucht, meine eigenen Filme zu machen. Das war nicht ganz leicht, was mit meiner Art zu schreiben zu tun hat. Meine Geschichten sind manchmal ein wenig unspektakulär und alltäglich. Ich mag gern Filme, die Menschen beim Essen, Reden, Gehen zugucken. Keiner stirbt, vielleicht endet mal eine Beziehung. Auch „Jack“ ist nicht wahnsinnig dramatisch. Ein Junge sucht seine Mutter und zieht drei, vier Tage durch Berlin. Das ist nicht vollgeladen mit großen Erlebnissen, hat aber trotzdem Kraft. In Deutschland heißt es dann oft: Ja, das ist doch ein Fernsehfilm. Aber für mich ist das Kino. Mit einer Amerikanerin wie Kelly Reichardt oder dem Franzosen Claude Sautet fühle ich mich verwandt. Sie zeigen das Leben von Menschen, Freunden, Familien. Diese Geschichten haben es schwer. „Jack“ war auch eine Antwort auf zwei, drei dieser Versuche, die dann nicht geklappt haben. Ich sagte mir: So, jetzt reicht’s, ich dreh diesen Film in diesem Sommer. Diese Energie hat dann von links und rechts Leute hinzukommen lassen.

tip Wie soll es weitergehen?
Edward Berger Ich hab das Gefühl, man muss mit jedem Drehbuch bei null anfangen. Es kommt immer wieder das Aber. „Jack“ hat mich aber auch bestätigt, sodass ich jetzt beharrlicher bin. Ich sage mir: Seht her, es hat doch funktioniert. Ich würde gern alle zwei, drei Jahre einen Film wie „Jack“ machen. Ich habe jetzt erst gemerkt, wie sehr mir das gefehlt hat die letzten zehn Jahre. Man vergisst das ja leicht, man verliert es aus den Augen. Ich habe die Sehnsucht gespürt nach diesem Film. Danach möchte ich beurteilt werden.

tip Reicht dieses Vorhaben für ein Leben, wie Sie es sich vorstellen?
Edward Berger Es reicht wahrscheinlich nicht ganz, ich habe aber den Vorteil, dass ich auch schreibe, das mache ich dann eben zwischendurch.

Interview: Bert Rebhandl

Foto: Joachim Gern

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