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Junge Filmemacher im Interview: Sylke Enders

Sylke Enders

tip Frau Enders, wie sind Sie Filmemacherin geworden?
Sylke Enders?Die Überschrift lautet: mit einem langen Atem. 1989 kam ich frisch aus dem Osten in die Wohnung einer Freundin, guck mich da um, und sehe eindeutig: Ihr Freund ist beim Film. Als ich ihn dann kennenlernte, sagte er: „Morgen kommt ein Regisseur, bei dem kannst du dich bewerben.“ Das war Wolfgang Becker, der arbeitete damals an „Kinderspiele“. Ich bot ihm an, ich könnte doch am Set auf die Kinder aufpassen, da hatte ich schon Erfahrung. Er sagte nur: „Nö, das willst du nicht. Du willst was anderes.“ Ich habe dann Brötchen geschmiert für die Beleuchter und so Sachen. Im Abspann stehe ich immerhin als Best Girl.

tip Sie gingen dann aber auch an eine Filmschule.
Sylke Enders Ja, allerdings brauchte es dazu, ich weiß gar nicht, wie viele Anläufe. Ein Studium an der HdK hatte ich da schon hinter mir. Als ich mich in Babelsberg bewarb, da hieß es, ich sei zu objektiv. Und ich solle nicht wiederkommen. Ein befreundeter Regisseur, der damals dort studierte, meinte: „Da bewirbst du dich gleich noch mal.“ Ich habe es wohl sechs, sieben, acht Mal unter anderem an der DFFB und HFF probiert und wollte denen auch entgegenkommen. Also zum Beispiel: weniger lakonisch sein, mehr Emotionalität. Ich habe schließlich die Zulassung zu beiden Schulen bekommen und ging an die DFFB.

tip Danach ging es gut voran?
Sylke Enders Na ja, der damalige Direktor Reinhard Hauff war sich anfangs nicht sicher, was er mit mir anfangen sollte. Ich war ja schon an die 30. Er meinte, ich könnte ja auch als Autodidaktin ohne Ausbildung Filme machen. Ich sagte: „Manch einer schon, aber vor allem die Weiblichkeit hat es da etwas schwerer.“ Er hat mich schließlich genommen, und das war super nach all den Ablehnungen. Er hat mich auch stark begleitet. Ich war nie so ein Typ, der gern auf die Redakteure zuging. Hauff hat mich scheues Ding mit einer relativ scheuen Redakteurin zusammengebracht. Das hat funktioniert. Dann sollte der Zufall es wollen, dass mein Kurzfilm „Kroko“ mit Restgeldern in Windeseile zum Langfilm gemacht wurde. Drei Monate hinterher drehten wir schon „Hab mich lieb“, mit derselben Hauptdarstellerin. Das war wie im Fieber. Dann kamen die ersten zersetzenden Bemerkungen zu „Hab mich lieb“.

tip Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?
Sylke Enders Im Grunde genommen war ich erst mal gebeutelt. Und dann war wieder Warten angesagt. Es gab da schon Momente, wo ich dachte, ich werde jetzt Schuhverkäuferin. In so einer Situation ist es gut, einfach einmal wegzufahren. Nur im Jammertal geht nicht. Ich hab mich dann an der DFFB beworben als Dozentin für die Einführungskurse. Prompt drei Tage nach Antritt dieses Jobs kriege ich einen Anruf, es geht um einen Fernsehfilm beim WDR. Also genau das, worum ich sehr lange gekämpft hatte, wofür ich nicht prädestiniert war. So begann mein Einstieg ins Fernsehzeitalter mit „Geliebtes Kind“. Und mitten in der Vorbereitung bekam ich die Zusage für mein eigenes Projekt „Du bist dran“.

tip Gibt es Existenzängste?
Sylke Enders Ich hab ja ein Kind, es gab auch Zeiten, da hat mir der Staat geholfen, so hat jeder seins in der Not. Zum Glück schreibe ich, ohne das wüsste ich nicht, wie ich die Zeit dazwischen überstehen könnte. Frauen sind nach wie vor in dem Job unterbelegt, da muss man sich nur einmal die Zahlen angucken. Das ist doch leicht skandalös. Es fehlt auch Zutrauen, mit einer Frau einmal über die 1,5-Millionen-Budget-Grenze zu gehen. Das hat viel mit dem mangelnden Glauben an Kommerzialität zu tun, oder dass man den Nerv trifft.

tip Wie soll es weitergehen?
Sylke Enders Schön ist es immer, wenn alles im Fluss ist, da fühlt man sich mehr eingebettet in sein Gesamtwerk und macht sich nicht so abhängig von Einzelmeinungen zu einzelnen Filmen, sondern man darf wachsen. Wie Ingmar Bergman, der immer schon während des einen Films am nächsten Projekt war. Das wäre ein Traum.

tip Vor 1989 waren Sie Mitglied einer Filmgruppe in Lichtenberg.
Sylke Enders Da war ich jung und naiv. Ich war in der Arbeitertheatergruppe des Gorki, hab dort ein bisschen gespielt, wollte aber eigentlich Filme machen. Da hörte ich von dieser merkwürdigen Gruppe, die machten viele Werbefilme für Diskotheken. Ich kam da als einzige Frau dazu und sagte: „Ich würde gern eine Geschichte erzählen.“ Ich machte dann in Sanssouci mitten im Winter einen surrealen Film, tanzte im Kostüm durch eine Russenkompanie hindurch. Diese Szene war seltsamerweise nie auf dem Material drauf. Das war meine allererste Filmerfahrung mit der Zensur. Mit dieser Lichtenberg-Fraktion funktionierte das nicht so gut, die haben mehr gesoffen und sich gegenseitig auf die Schippe genommen. Später habe ich einen Super-8-Film gemacht über Motorradtreffen. Den habe ich in der Volksbühne in der Pförtnerloge geschnitten, wo ich damals einen Job hatte. Überall hingen die Streifen herum. Das wurde mein erster Film, den ich verkaufen konnte, an den N3. Neulich habe ich Frank Castorf getroffen, der sagte zu mir: „Sylke, wenn alles schiefgeht, den Job in der Pförtnerloge hast du sicher.“

Interview: Bert Rebhandl

Foto: Stephan Rabold

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