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Junges deutsches Kino

FliegenDie diesjährige Perspektive Deutsches Kino nimmt ihren Titel in mehrfacher Hinsicht als Auftrag: zum einen im Sinne eines entschiedenen Blicks nach vorn, der, wie es auf der Berlinale-Homepage heißt, „das Unerwartete und Aktuelle zeigt und eine Aussicht auf das zukünftige Profil des deutschen Kinos wagt“.Zum anderen scheinen die ausgewählten Arbeiten ihrerseits dem Ursprung des Wortes „Perspektive“ verpflichtet, das auf das lateinische perspicere – „mit dem Blick durchdringen“ – zurückgeht. Die zwölf Filme des Programms zeigen sich in all ihrer stilistischen und inhaltlichen Vielfalt vernarrt in die Wirklichkeit, der sie, je nach Temperament, demütig oder verspielt, ratlos oder disziplinierend begegnen.

Das Neue und Ungesehene haben die Programmmacher Alfred Holighaus und Linda Söffker vor allem an den Hochschulen gefunden, deren Produktionsweise der Liberalität ihres Konzeptes entgegen kommt, das alle Genres und Formate zulässt. Bei den Spielfilmen überzeugen gerade die kürzeren Arbeiten, auf moderne Weise bittersüß, maximaler Zuckergehalt zehn Prozent. Wie in Piotr J. LewandowskisFliegen„: Die Affäre zwischen einer jungen Dokumentarfilmerin und einem russischen Asylbewerber zerbricht an selbstgesetzten Grenzen, die Dynamik der erotischen Anziehung und der romantischen Gefühle wird durchkreuzt durch handfeste wechselseitige Interessen. Am eindrucksvollsten zeigt sich die emotionale Selbstentfremdung als erotisches Prinzip in Lars-Gunnar Lotz’Für Miriam„. Als verletzliche Sphinx spielt die großartige Franziska Petri eine Mathematiklehrerin, die sich auf eine Liaison mit einem Schüler einlässt, dessen Schwester bei einem Zusammenstoß mit ihrem Wagen ums Leben kam. Sie gibt ihm Nachhilfe in Wahrscheinlichkeitsrechnung und kapituliert selbst vor der Irrationalität des Zufalls.

DistanzErwachsen in ihrem illusionslosen Blick auf emotionale Verhältnisse, verraten die Filme die zum Teil nochfehlende Trittsicherheit ihrer Autoren durch eine gewisse Überdeutlichkeit. Selbst das präzis Beobachtete wirkt mutwillig hingestellt, wenn es bis in den letzten Winkel inszenatorisch ausgeleuchtet wird. Und gerade das ausdrücklich Unerklärbare wie die Geschichte vom mordenden Gärtnerin Thomas SiebensDistanz“ droht durch überdeutliche Inszenierung verloren zu gehen, da kommt auch das intensive Spiel von Ken Duken kaum gegen an. Mehr Bodenhaftung haben die Arbeiten, die sich auf das familiäre Schlachtfeld begeben, sei es das Drama um zwei ungleiche Brüder in „Jedem das Seine“ von Stefan Schaller oder die Variationen des Vater-Sohn-Konflikts in Michael KochsPolar“ und Martin BuskersHöllenritt„. Und wenn die Dialoge gelegentlich nach Fernsehserie klingen, dann könnte das auch daran liegen, dass die Wirklichkeit sich diesem Leitmedium anverwandelt. Das Authentische ist die Simulation.

Der allgemeine Trend, dass die Protagonisten größtenteils im ähnlichen Alter wie die Filmemacher oder jünger sind, setzt sich bei den dokumentarischen Arbeiten fort. Elmar Szücs macht sich in „Wir sind schon mittendrin“ auf die Suche nach seiner „unentschiedenen Generation“ und findet gut gelaunte Skeptiker, die keinem irgendwas glauben und schon gar nicht sich selbst ihre Ambitionen. Ein Leben in der Möglichkeitsform: Man könnte, würde, sollte – und kommt doch nicht hoch. Auch in Claudia Lehmanns liebevollem Porträt des Berliner Musikers Hans Narva geht es um altersunangemessenes Verhalten, vor allem aber um die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieses einen gelebten Lebens. „Hans im Glück“ spürt der Biografie eines Unangepassten nach, die sich im Schlagschatten der Zeitgeschichte und unter den besonderen Bedingungen der erst getrennten und dann vereinigten Berliner Musikszene ereignet.

AchterbahnDas Programm gleicht einer Selbstbefragung der Generation Kapuzenpulli – in jedem bisher genannten Film kommt dieses Berufsjugendlichkeitsgewand vor. Einzig zwei Dokumentarfilme sorgen für eine Hebung des Altersdurchschnitts: „Achterbahn“ über den schillernden Großpleitier Norbert Witte, der vor einigen Jahren mit der Insolvenz seines Vergnügungsparks auf dem Areal des DDR-Plänterwalds und seiner Flucht nach Südamerika in die Schlagzeilen geriet. Hier wird von allen Beteiligten dick aufgetragen, doch der Film schaut so lange hin, bis die Fassade bröckelt und hinter der Jahrmarktsheiterkeit ein verpfuschtes Leben sichtbar wird. In „Gitti“ lässt Anna Deutsch ausführlich und zum Vergnügen der Zuschauer eine lebenslustige Pankower Rentnerin zu Wort kommen, die mit der Entschlossenheit einer Schnäppchenjägerin im Schlussverkauf auf späte Partnersuche geht. Die schlechte Nachricht dabei ist, dass der Ärger mit der Liebe nie aufhört. Das ist allerdings auch die gute Nachricht. So gleicht das Programm zwar nicht einem Höllenritt, aber doch gelegentlich einer Achterbahnfahrt.

Text: Stella Donata Haag

Perspektive Deutsches Kino
ab Fr 6.2. im CinemaxX 3; ab Sa 7.2. im CinemaxX 1 und Colosseum 1

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