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„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ im Kino

In den USA ist es jetzt endlich soweit. Viele große Firmen geben zu, was sie bisher bloß heimlich gedacht hatten: Nur ein toter Arbeitnehmer ist ein guter Arbeitnehmer. Man hat schon eine Weile in großem Stil Arbeitsplätze abgebaut, nach Asien verlegt oder einfach die Jobs so schlecht bezahlt, dass niemand davon leben kann. Jetzt hoffen die Firmen tatsächlich, dass ihre Beschäftigten sterben. Sie haben nämlich eine Lebensversicherung auf sie abgeschlossen, und bei der kassieren sie dann am meisten, wenn sie nur kurze Zeit Prämien einzahlen müssen und dann schon den ganzen Betrag ausgezahlt bekommen. Steuerfrei.
In der Branche spricht man bei diesen Policen von „toten Bauern“ (dead peasants). Für den Filmemacher Michael Moore ist es einer der zündendsten Momente in „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte„, als er auf die Sache mit den „toten Bauern“ stößt. Er findet sie
wie immer im Dickicht der privatisierten amerikanischen Sozial­leistungen, irgendwo zwischen Krankenversicherungen (die keine Behandlungen zahlen, siehe „Sicko“) und Sozialhilfe (die den Arbeitnehmern bleibt, die nicht als dead peasants enden und deswegen gekündigt werden müssen).
Der neue Film von Michael Moore kommt genau zur richtigen Zeit. Die Finanzkrise, die ja immer noch nicht ausgestanden ist, lässt es angebracht scheinen, die Systemfrage zu stellen: Wie geht es uns eigentlich mit dem Kapitalismus, dem letzten Gesellschafts­system, das die Menschen im Westen nach dem Ende des Sozialismus in großem Stil pflegen? Die Antwort kennen wir zu einem guten Teil schon aus den früheren Filmen von Michael Moore, und auch hier sucht er erste Antworten bei sich zu Hause, in der Stadt Flint, Michigan, die von der Autoindustrie aufgegeben wurde, danach noch ein paar Callcenter beherbergte, heute aber keine nennenswerte Wirtschaft mehr hat und von Transferleistungen lebt.
1989 hat Michael Moore in „Roger & Me“ den Niedergang von Flint zum Ausgangspunkt einer Managerschelte genommen, seither ist er mit seiner provokanten Art zu einem Weltstar geworden. Seine Liebesgeschichte mit dem Kapitalismus folgt nun noch einmal dem Muster seines ersten Films. Er geht im Grunde biografisch vor, wenn er erzählt, wie die USA sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Wohlstandsgesellschaft entwickelten, wie die Menschen Kühlschränke, Eigenheime und große Schlitten mit Heckflosse kaufen konnten und sich nach dem Arbeitsleben mit einer sicheren Betriebspension zur Ruhe setzten.

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