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"Karo nervt, ich auch"

Regisseurin Laura Lackmann

Laura Lackmann: Die Berlinerin wurde 1979 geboren, ist in Grunewald aufgewachsen – O-Ton: "Ich habe mich als Jugendliche dafür immer geschämt, weil ich auch Punker sein wollte" – und lebt jetzt in Kreuzberg. An der DFFB hat sie Regie studiert und eine Reihe kurzer- und mittellanger Filme realisiert. Sie arbeitet auch als Drehbuchautorin, zuletzt für die TV-Serie "Blochin". Ihr erster Roman "Die Punkte nach dem Schlussstrich" erscheint Mitte Juni bei List und handelt von einer "Berufsfreundin", die nach der Trennung ihren eigenen Weg findet. Zudem bereitet sie ihren nächsten Film "Die sachliche Romanze" vor, in der Hauptrolle Laura Tonke.

tip Frau Lackmann, in Sarah Kuttners Roman "Mängelexemplar" geht es um Karo, eine junge Frau mit Depressionen. Nicht gerade ein lustiger Stoff. Warum hat Sie das ­Thema gereizt?
Laura Lackmann?Unter anderem, weil mich die Krankheit selbst betrifft. Die ­Depression ist eben mein Heuschnupfen. Obwohl ich das schon lange medikamentös und in Therapie behandle, werde ich zwischendurch immer wieder heimgesucht. Ich leide darunter,  aber ich habe eben auch ­gelernt damit umzugehen. Mich hat der ­Roman also ganz persönlich angesprochen. Ich fand toll, wie zugänglich und lustig das Buch ist. Außerdem mag ich vermeintlich schwierige Figuren. Karo nervt, ich auch, also gab es von Anfang an viele Gemeinsamkeiten.

tip Ist "Mängelexemplar" ein Frauenfilm?
Laura Lackmann Es gibt auch gestandene bärtige Männer, die totale Fans von dem Film sind. Natürlich stehen Frauen im Zentrum, man kann Karo ja quasi in den Kopf gucken. Aber ich glaube, "Mängelexemplar" ist eben auch ein Generationenfilm, der von unserer Zeit erzählt. Man kann das den Männer, die sich an der Kinokasse entscheiden, schon zutrauen.

tip Die größte Herausforderung war vermutlich, Karos Gefühlswelt darzustellen. Sie haben den Weg gewählt, ihr ein zweites Ich zur Seite zu stellen, Karo als kleines Mädchen. ­
Laura Lackmann Ich selber mag gerne Filme, die märchenhaft, fantasievoll und visuell stark sind. Solche, in denen nicht nur der Schauspieler die Emotionen seiner Figur ausdrückt, sondern auch Gefühle einen Körper bekommen. Es gibt ein Buch, das heißt "Aussöhnung mit dem inneren Kind". Die Eigenschaften, die Karo krank machen, sind die Eigenschaften eines Kindes. Sie ist ungeduldig, viel zu emotional, und unselbstständig. Ich fand die Vorstellung schön, dass, wenn Karo ein echtes zweites Ich hat, auch etwas da ist, mit dem sie sich auseinandersetzen und danach wieder befreunden kann. Außerdem wird so klar, das die Seele ebenso zerbrechlich ist wie ein Kind. Man muss auf sich aufpassen, wenn man wachsen will.

tip Das innere Kind ist also nicht der Grund für Karos Depression, sondern Karos Rettung?
Laura Lackmann In meiner eigenen Krankheitsgeschichte hat es mir geholfen, als ich festgestellte, ich bin mit mir nicht alleine, in meinem Herzen sprechen mehr Stimmen als nur eine. Wenn ich Probleme habe, dann versuche ich mir immer vorzustellen, wer da gerade mit mir spricht: die Heulsuse, der Schweinehund, der General oder das Kind. Seitdem ist für mich alles im Leben einfacher, weil ich das Gefühl habe, wir kommen mindestens zu zweit durch die Tür.

tip Hat Sarah Kuttner am Drehbuch mitgearbeitet?
Laura Lackmann Sie hat relativ schnell gesagt, dass sie sich ­gerne raushalten möchte. Danach wurde sie natürlich immer in cc gehalten und informiert, hat den Rohschnitt und den Feinschnitt ­gesehen. Ich weiß nicht, ob sie mit allem d’accord war, aber sie hat den Film seinen ­eigenen Weg gehen lassen. Das finde ich stark von ihr.

tip Der Ton im Roman ist schnoddrig und selbstironisch. Sie haben diese Tonalität übernommen, im Film gibt viele lustige ­Momente. Wie passen Komödie und ­Depression zusammen?
Laura Lackmann Jeder, der mal Liebeskummer oder Depressionen gehabt hat, weiß, dass man sich in solchen Situationen absolut abstrus verhält. Wenn man genau hinfühlt, steckt in diesem Zustand viel mehr drin als pures Leid, vor ­allem retrospektiv. Und außerdem machen wir uns ja nicht über die Betroffenen lustig, sondern ermöglichen durch den Humor einen Zugang.

tip Kostüm und Setting sind super elaboriert. Es gibt eine Szene, in der liegt Karo in der Badewanne und lässt mit der Glut ihrer ­Zigarette eine Schaumblase nach der ­anderen zerplatzen. Wie genau planen Sie solche Szenen?
Laura Lackmann Der Film ist von sehr, sehr, sehr, sehr langer Hand geplant, denn bis wir finanziert waren, verging sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viel Zeit. So sammeln sich die Ideen, die man hat, einfach an. Fürs "Mängelexemplar" passt diese Überfrachtung der Details, denn sie erzählt etwas über Karo und ihre Welt. Wir haben zum Beispiel endlos lang über Bettwäsche in diesem Film geredet. Karo liegt in Wölkchenbett­wäsche, wenn es ihr gut geht, bei ihrer Oma in der Depressionsphase in einer Art Seidensarg, und wenn sie in Panik gerät, sind auf ihr Kopfkissen kleine Ameisen gedruckt.

tip Karos Therapeutin trägt immer dasselbe Seidenblusenmodell in verschiedenen Farben.
Laura Lackmann Das ist ihre Uniform. Therapeuten kommen ja immer so daher, als ob sie keine eigenen Menschen wären, sondern treten ihren Patienten bewusst neutral entgegen. Anette stellt sich wie ein Soldat in den Dienst der Sache. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auch, dass sie Socken anhat, die mit links und rechts markiert sind, denn sie kennt den Weg aus der Misere. Natürlich spielt so eine Kleinteiligkeit für den Film keine Rolle, aber ich glaube ­Maren Kroymann hat es gefreut und so auch auf eine Art inspiriert.

tip Auch das Berlin-Bild ist sehr genau.
Laura Lackmann Die Story im Buch ist in Mitte angesiedelt, in den 2000er-Jahren. Wenn die Geschichte im ­Heute spielen sollte, musste man einen Stadtteil finden, der gerade gentrifiziert wird und somit im Umbruch steht, so wie Mitte damals. Wir haben versucht, in Neukölln Drehorte zu finden, aber da stelle sich die Realität gegen die Filmwirklichkeit. Die Straßen sind da alle sehr kleinteilig und dunkel. Wir haben dann schließlich in und um die Kneipe am Lausitzer Platz  in Kreuzberg gedreht, wo ich wohne. Die Gegend verändert sich ja gerade sehr stark, und das "Billard Eck" ist genau wie das "Heidewitzka" im Film die letzte Bastion am Platz.

tip Claudia Eisinger spielt Karo. Warum war sie die Richtige für die Rolle?
Laura Lackmann Claudia erfüllte alle Punkte auf meiner Wunschliste für Karo: Sie ist eine tolle Schauspielerin, hat komödiantisches Talent, ist Berlinerin, wunderschön und trotzdem speziell, unfassbar fleißig und sie kommt mit einer großen Kraft um die Ecke.

tip Als Regisseurin braucht man auch ganz schön Kraft.
Laura Lackmann Man geht schon manchmal aufs Klo, um zu weinen, und dann weint man irgendwann auch ganz offen, weil es Zeit spart. Wenn alles gut geht, ist Regieführen wie Verliebtsein, denn so ein Film nimmt dich mit all deinen Sinnen komplett ein. Aber es ist auch ein Beruf, in dem man ständig kämpfen muss. Und wenn Leute sagen: " Es geht nicht!",  muss irgendeine von den inneren Stimmen in dir überzeugend sagen: Doch, ich schaff’s, ich schaff’s, ich schaff’s!

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Harry Schnitger

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