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Kate Winslet im Gespräch

Readertip Mrs. Winslet, für Ihre Rolle in „Der Vorleser“ war ursprünglich Nicole Kidman vorgesehen, die kurzfristig aus terminlichen Gründen absagen musste. Wie gingen Sie damit um, ins kalte Wasser geworfen zu werden?

Kate Winslet Stimmt, ich hatte deutlich weniger Vorbereitungszeit, als mir normalerweise lieb ist, und ich erholte mich gerade noch von der vorangegangenen Rolle in „Zeiten des Aufruhrs“. Manche Schauspieler können nach Belieben umschalten, aber ich brauche immer viel Zeit, um Figuren zu finden und dann wieder hinter mir zu lassen. Gleichzeitig war mir klar, was für ein Glück ich hatte, diese beiden Frauenspielen zu können – und dann auch noch innerhalb eines Jahres, wo man sonst als Schauspielerin ein Leben lang auf nur eine solche Chance hofft. Also habe ich mich zusammengerissen, so sehr ich die Figur der Hanna Schmitz in „Der Vorleser“ auch fürchtete.

tip Wovor fürchteten Sie sich?

Winslet Zum ersten Mal in meiner Karriere hatte ich keine privaten Anhaltspunkte, auf die ich mich bei der Arbeit an der Figur hätte beziehen können. Dazu der deutsche Akzent, die moralischen Implikationen ihres Handels, die Maske der gealterten Frau in der zweiten Hälfte des Filmes. Ich fühlte mich wie beim Erklimmen eines Berges, als ich versucht habe, sie in meine Gedanken zu lassen. Ich habe immer wieder davorzurückgeschreckt. Letztlich haben mir Regisseur Stephen Daldry und mein Schauspielpartner David Kross enorm dabei geholfen, diese Ängste zu überwinden, indem sie mir erlaubten, mit meinen Instinkten zu arbeiten und emotional zu reagieren. Man kann nicht verstehen, was Hanna Schmitz getan hat, und in der Story findet sie selbst nie eine Antwort auf diese zentrale Frage.

tip Wie haben Sie letztlich Zugang zu der Figur gefunden?

Winslet Eine Art Durchbruch hatte ich in der Sequenz, als sie von einem Richter gefragt wird, wie sie als SS-Wärterin Hunderte von Menschen in den sicheren Tod schicken konnte. Da fragt sie zurück: „Was hätten Sie getan?“ Und in dieser Szene verstand ich, dass sie sich selbst diese Frage zuvor nie gestellt hat. Ich kann dafür keine Sympathie entwickeln und fühlte mich unwohl beim Spielen. Aber für den Bruchteil einer Sekunde habe ich vor der Kamera verstanden, dass diese Frau davon überzeugt war, ihre Pflicht zu erfüllen, und dass diese Haltung jedes Schuldgefühl ausblendete.

vorlesertip War der Drehort Berlin wichtig für die Produktion, oder hätte der Film überall in der Weltgedreht werden können?

Winslet Nein, diesem Stoff konnte man nur in Deutschland, mit einer deutschen Crew und mit deutschen Schauspielern gerecht werden. Damit meine ich nicht bloß die Engagiertheit des gesamten Teams und die Klasse der Darsteller noch in den kleinsten Rollen. Sondern das kollektive Gefühl, mit der deutschen Schuld umgehen und aus der Historie für unsere kleine Geschichte lernen zu wollen. Man kann das schwer in Wortefassen: Aber ich glaube, es gab keinen Deutschen am Set, der nicht in unregelmäßigen Abständen von Scham erfasst wurde und dieses Gefühl dann in Leidenschaft für das Projekt kanalisierthat.

tip Ihr zweiter Film der Saison, „Zeiten des Aufruhrs“, wurde von Ihrem Mann Sam Mendes inszeniert. Hates Ihre Arbeit verändert, mit einem so eng vertrauten Regisseur zu arbeiten?

Winslet Ich baue zu Regisseuren immer ein zutiefst intimes Verhältnis auf, aber Bedingung für den Drehmit Sam war, dass er mich als Chef wie jede andere Person am Set behandeln würde. Bedenken hatte ich nie. Meiner Meinung nach kann man gar nicht genug über den Menschen wissen, mit dem man verheiratet ist, und die Arbeit brachte uns als Paar sogar weiter, was man ja vor so einem Job nie genau wissen kann. Ehrlich gesagt, war es verdammt sexy, ihn mal nicht zu Hause, sondern auf der Höhe seiner Kunst zu sehen. Auch wenn er sicherst daran gewöhnen musste, dass ich daheim nicht abschalten konnte und bis zum Einschlafen mit ihm die Rolle diskutierte, was ich für gewöhnlich nicht mache. Man muss es ausnutzen, wenn man mit dem Regisseurschläft (lacht)!

tip Sie äußern sich häufig kritisch über das Frauenbild Hollywoods, obwohl Sie spätestens seit „Titanic“ selbst Teil des Systems sind. Neigen Sie zur Rebellion?

Winslet Diese Haltung wird mir regelmäßig nachgesagt, aber bewusst rebelliere ich gegen gar nichts. Ich tanze nur nach meiner eigenen Musik. Ich hasse Konformität, und ich erfülle halt nicht die üblichen Celebrity-Klischees, wenn ich mein Leben nicht darüber definiere, über rote Teppiche zu flanieren. Das ist nur eine Rolle und Teil des Jobs – wobei ich dabei nie vergesse, dass zu Hause Berge schmutziger Wäsche warten (lacht).

vorlesertip Woher kommt diese Haltung?

Winslet Ich bin in bodenständigen Verhältnissen aufgewachsen. Ich wurde nie mit Erwartungsdruck konfrontiert, sondern zu eigener Urteilskraft motiviert. Ich weiß noch, wie meine Schwester und ich in jungen Jahren von meinem Vater zu Casting-Terminen gefahren wurden. Manchmal war mir sonnenklar, dass ich keine Chance auf die Rolle hatte, weil ich leicht übergewichtig war oder ich mich nicht genügend aufgedonnert hatte. Aber mein Vater sagte: „Du machst das für deine subjektive Erfahrung, und es ist egal, was am Ende dabei herausspringt, solange du Spaß daran hast.“ Bis heute sagen mir meine Eltern, dass ich immer nur ich selbst sein solle – und ich wüsste keinen besseren Rat, den ich meinen eigenen Kindern mit auf den Weg geben könnte.

tip Sie gehen als Favoritin ins diesjährige Oscar-Rennen. Wie wichtig ist Ihnen die Trophäe?

Winslet Die Leute in der Branche glauben, dass ich Preise nicht nötig hätte, weil ich ansonsten mit dem Hollywood-Zirkus nichts zu tun haben will. Aber die Wahrheit ist: Alle Schauspieler sind tief im Innerenleicht zu verunsichern, so dass jedes Lob therapeutische Bedeutung hat. Eine Rolle vorzubereiten und zu spielen ist so, als ob man lange für eine Klausur übt und dann mit flatternden Nerven in die Prüfung geht. Es ist schon vorgekommen, dass ich mich vor emotional schwierigen Szenen übergeben musste, so tief sitzt mitunter die Versagensangst. Und wenn es dann am Ende eine gute Benotung in Form eines hübschen Preises gibt, möchte man „Jaaaa!“ schreien.

tip 2004 haben Sie sich in der Showbiz-Satire „Extras“ von Ricky Gervais selbst gespielt und sich in einer denkwürdigen Szene darüber lustig gemacht, dass der sicherste Weg zum Oscar ein Holocaust-Film sei…

Winslet … und jetzt weiß ich nicht, ob mir das zutiefst peinlich sein soll oder die Episode dadurch nicht eigentlich noch brillanter wird. Ricky, der damals die Dialoge schrieb, rief mich bereits an und sagte nur staubtrocken „I told you so“ – dann verlangte er noch, in jeder Dankesrede besondere Erwähnungzu finden (lacht). Aber zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen: Vom „Vorleser“ wusste ich beim „Extras“-Dreh überhaupt nichts, das dürfen Sie mir glauben!

Interview: Roland Huschke


The Reader
6.2., 19.30 Uhr
, Berlinale Palast; 7.2., 12.00 Uhr, Friedrichstadtpalast; 7.2., 22.30 Uhr, Urania

Lesen Sie hier: Mehr zur Diskussion um „The Reader“ (Der Vorleser)

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