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Kathryn Bigelow-Werkschau im Arsenal

The Hurt Locker

Sie macht es sich nicht leichter als ihre Figuren. Die Schwierigkeit, das Unwegsame sind ihre stärkste Motivation. Die kinetische Wucht ihrer Filme ist nicht ohne ihren eigenen furchtlosen Körpereinsatz zu haben. Die meisten anderen Regisseure würden einen großen Bogen machen um die Stoffe und Drehorte, die Kathryn Bigelow sich aussucht. Filme über den Irakkrieg beispielsweise gelten als Kassengift. Als sie Geldgeber suchte für „The Hurt Locker“ (2008), ihren Thriller über ein Bombenräumkommando, wimmelte sie ein möglicher Finanzier mit den Worten ab, die Idee gefiele ihm ja, aber ob sie die Geschichte nicht einfach in die USA verlegen könne?
Der Mann wird sich nach dem Oscar-Triumph des Films gehörig geärgert und hoffentlich auch ein wenig geschämt haben. Allerdings lässt sich der Umstand, dass sie als erste Frau den Regie-Oscar erhielt, nur bedingt als später feministischer Triumph verbuchen. Wäre sie tatsächlich ein solcher Star in ihrem Metier geworden, wenn sie nicht so beharrlich in traditionell maskulinen Genres gearbeitet hätte? Nicht von ungefähr ist das Beziehungsdrama „The Weight of Water“ (2000) der unbekannteste unter ihren Filmen geblieben. Als Galionsfigur weiblicher Ermächtigung eignet Bigelow sich gleichwohl prächtig, denn in ihren Action-Filmen bewähren sich die Frauen mindestens ebenso souverän wie ihre männlichen Partner. Darin denkt sie das Kino von Howard Hawks klug weiter. Die Retrospektive des Arsenals schließt mithin triftig an die Werkschau des klassischen Genrevirtuosen an.
Auch bei Bigelow steht seit ihrem epochalen Vampir-Western „Near Dark“ (1987) meist eine verschworene Gemeinschaft von Außenseitern im Zentrum, in deren Regelwerk der Zuschauer erst eingeweiht werden muss. Die Wahlverwandtschaften in ihren Filmen sind hingegen oft zum Scheitern verurteilt, da ihre Protagonisten sich letztlich nur heimisch fühlen in den eigenen Obsessionen. In „Zero Dark Thirty“ (2012) findet die ur-amerikanische Sehnsucht ihren Widerhall, Professionalität sei bereits Moral genug. Wie in Hawks’ Kriegsfilmen ist Eintracht möglich zwischen den Gegnern, sobald die Arbeit erledigt ist: Die Beiläufigkeit, mit der sie das gemeinsame Essen der CIA-Folterer mit ihrem Opfer filmt, ist verwegen.
Bigelow hat immenses Vergnügen daran zuzuschauen, wie Frauen und Männer ein Handwerk mit Geschick und Einfallsreichtum ausüben. Aber arglose Genrefilme kann und will sie nicht drehen. Dazu ist ihr Stil zu sehr von der Semiotik und Konzeptkunst geprägt. Ihre Filme scheren aus zu den Grenzen und überwinden sie. Rabiat vermischt sie die Gattungen und dekonstruiert sie dabei, überprüft deren Ikonografie auf ihren Fetischcharakter und hinterfragt, was Bilder der Gewalt mit dem Zuschauer anrichten.

Text: Gerhard Midding

Foto: Courtesy of Summit Entertainment 2008

Grenzüberschreitungen – ?Die Filme von Kathryn Bigelow, ?Sa 1.3. bis Sa 29.3. im Arsenal Kino

?www.arsenal-berlin.de

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