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Kein Bollywood: Slumdog Millionär

Slum Dog MillionärJamal Malik ist ein schüchterner Junge aus den Slums, er hat nie eine Schule besucht, und doch hat er es in Indiens „Wer wird Millionär“-Fernsehshow bis kurz vor die letzte, millionenschwere Frage gebracht. Wie kann das sein? Hat er betrogen? Oder war es wirklich immer nur Zufall, die ihn die richtige Antwort wissen ließ? Oder vielleicht mehr als Zufall: Schicksal?

Das ist die Ausgangssituation von Danny Boyles jetzt schon fast legendärem Film, einer englischen Produktion, die in Indien gedreht wurde und mit mehrheitlich indischen Schauspielern besetzt ist. „Slumdog Millionär“ sollte zuerst nur auf DVD rauskommen, kein Filmverleih hatte sich von dem kleinen schnellen Film ein Kinogeschäft erwartet. Dann trat Boyles Slum-Saga auf Filmfestivals seinen ungeplanten Siegeszug an, der bei den Oscars seinen Höhepunkt hatte.

Slumdog Millionär“ steigt hart ein. Weil die Polizei nicht an einen ehrlichen Quiz-Erfolg glauben will, foltert und verhört sie Jamal (Dev Patel). Schließlich erzählt er seine Geschichte, um sich gegen den Betrugsvorwurf zu wehren. Es ist die Geschichte einer Kindheit, die kaum eine war. Jamal und sein Bruder Salim verlieren früh ihre Mutter bei einem Überfall fanatischer Hindus auf den Slum, sie werden in ein Waisenhaus aufgenommen, das Böses mit ihnen im Sinn hat, sie fliehen, schlagen sich mit Kleinkriminalität durch. Früh schon lernt Jamal das Mädchen Latika kennen und lieben, aber er verliert sie in den Wirren seiner Kindheit. Während sich sein Bruder als Teenager einer kriminellen Bande anschließt, gibt Jamal die Suche nach seiner Kindheitsliebe nie auf und endet schließlich, nachdem er eine Anstellung als Teeträger in einem Callcenter ergattert hat, in der Millionär-Show, wo ihn halb Indien und – so seine Hoffnung – auch Latika (Freida Pinto) im Fernsehen sehen wird.

Slumdog Millionär
Jede einzelne Antwort auf eine der gestellten Fragen hat mit einem Erlebnis seiner Kindheit zu tun. Und Danny Boyle, der mit dem rasanten „Trainspotting“ berühmt wurde, erzählt diese Geschichte als Abfolge von unglaublich schnellen, lauten, bunten und oft brutalen Bildern und Geräuschen, die Hitze ist flirrend, der Dreck unerträglich, die Kamera folgt hektisch der Energie der Abertausenden von Menschen, die in einem riesigen, unglaublich überfüllten, geschäftigen, lebendigen Slum unterwegs sind.

„Slumdog Millionär“ ist der Überraschungserfolg, Publikums- und Kritikerliebling der Saison, er wird mit Preisen geradezu überschüttet – unter anderem sieben Baftas, vier Golden Globes und zuletzt acht Oscars, darunter die Awards für den besten Film, die beste Regie und die beste Kamera. Anders als die Bollywoodfilme, deren Prinzip der schöne Schein und die lustvolle Realitätsflucht ist, erspart uns Boyle nichts von dem sozialen Elend und den Schattenseiten Indiens. Wie ein Charles Dickens für das 21. Jahrhundert zeigt er die unerträglichen Lebensbedingungen der Unterschicht in den Slums von Mumbai und die grausamen Nutznießer dieses Elends, die grassierende Kriminalität und das Bandenwesen, aber auch den hyperaktiven Fort-schritt, den Bauboom von Mumbai, die Hochhäuser, die in den Himmel wachsen, die brandneuen Villenviertel mitten im Bauschotter. Das schlägt gelegentlich in einen Überschuss an Schrecken und damit fast in Karikatur um, löst sich aber zum Ende in einem großen Happy End auf – und in der überfälligen mitreißenden Bollywood-Tanznummer.

Text: Catherine Newmark

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(tip-Bewertung: Sehenswert )

Slumdog Millionär (Slumdog Millionaire), Großbritannien 2008; Regie: Danny Boyle; Darsteller: Dev Patel (Jamal), Freida Pinto (Latika), Madhur Mittal (Salim); Farbe, 120 Minuten

Kinostart: 19. März 2009

Lesen Sie unseren Artikel VOM SLUMDOG ZUM TOPDOG in tip 07/09 auf Seite 34 bis 37

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