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Sozialdrama

Ken Loachs neuer Film „Sorry We Missed You“ prangert neoliberale Missstände an

Ständig selbstständig: Ken Loachs neuer Film Sorry We Missed You prangert erneut mit viel Wucht neoliberale Missstände an

Joss Barratt

Unmittelbar bevor er sich auf seine erste Tour als Kurierfahrer begibt, bekommt Ricky von seinem Freund und Kollegen eine leere Plastikflasche in die Hand gedrückt. Die werde er brauchen, denn Pinkelpausen seien nicht drin bei dem ­engen Zeitplan. Das macht dem Zuschauer (eher als dem Protagonisten) schon klar, dass der Traum, sein eigener Boss zu sein, nicht unbedingt aufgehen wird für Ricky.
Ricky hat in seinem Leben schon viele Gelegenheitsarbeiten gemacht, die Wirtschaftskrise hat ihm seine langjährige ­Tätigkeit beim Bau geraubt. Nun träumt der Familienvater den Traum von der Selbstständigkeit, von einer Tätigkeit, bei der ­einem nicht immer jemand im Nacken sitzt, der einen antreibt. Zugegebenermaßen, als Fahrer, der Pakete und Päckchen ausliefert, ist er selbstständig, obwohl die vielen neuen Begriffe, mit denen der Boss des Warenlagers die Tätigkeit anpreist, eher euphemistische Worthülsen sind, etwa die, er würde keinen Lohn, sondern ein Honorar erhalten.

Die negativen Seiten bekommt Ricky schnell zu spüren: von dem engen Zeitfenster, in dem er die Ware zustellen muss, bis hin zu den Strafzahlungen, die fällig sind, wenn er sein Pensum nicht schafft. Als er ­eines Tages überfallen, ausgeraubt und krankenhausreif geschlagen wird, soll er sogar noch 1.000 Pfund für den Paket-Scanner ­bezahlen, den die Räuber dabei zerstört haben.

Stand in „Ich, Daniel Blake” das Auf­begehren eines Einzelnen gegen ­absurde staatliche Zwangsmechanismen im ­Mittelpunkt, so ist es im neuen Film des ­unermüdlichen Ken Loach (er wird im Juni 84 Jahre alt) eine vierköpfige Familie, deren Zusammenhalt unter der neuen Tätigkeit des Ehemannes und Vaters zu zerbrechen droht, als die ­vermeintliche Selbstständigkeit sich als böse Falle ­erweist. Das ­Drehbuch von Loachs Stammautor Paul Laverty bringt die wechsel­seitigen Abhängigkeiten auf den Punkt, den Schauspielern ringt Loach einmal mehr eindring­liche ­Darstellungen ab. Beklemmend. Der Filmtitel bezieht sich übrigens auf jenen ­Benachrichtigungszettel, den die Paket­boten bei Nichtantreffen des Kunden ­zurücklassen.

Sorry We Missed You GB/F/BELG 2019; 100 Min, R: Ken Loach, D: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, Start: 30.1.

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