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Kenneth Branagh im Interview

Thor

tip Wann ist der Sättigungsgrad bei Comicverfilmungen erreicht?
Kenneth Branagh Nach einem dieser Filme sehe ich mich nicht als Experte, aber ich glaube, dass dem Genre die besten Zeiten noch bevorstehen. Regisseure wie Sam Raimi und Christopher Nolan haben bereits gezeigt, wie viele Nuancen in Comicfilmen stecken. Und wenn man bedenkt, dass allein Marvel noch die Rechte an hunderten Figuren hält, erwarte ich eher einen Goldrausch als eine Dürreperiode.

tip „Thor“ ist nicht zuletzt auch einer der teuersten Special-Effects-Filme des Jahres. Wie liegt Ihnen die Arbeit mit artifiziellen Welten?
Kenneth Branagh Meine Regiearbeit „Die Zauberflöte“ hatte 500 digitale Effekte, ich war also immerhin kein totaler Anfänger. Aber die technischen Kapazitäten sind schon ein Teil des Reizes. Für mich war das  Projekt ein Intensivkurs in dieser Art von High-Tech-Kino. Natürlich hatte ich am Anfang auch Sorge, völlig überfordert alles zu ruinieren. Bis mir ein erfahrener Kollege geraten hat, mir keine Gedanken wegen der Ausführung zu machen. Dafür gibt es brillante Leute. Mein Job ist es, mir die Bilder vorzustellen.

Thortip Sie sind schon Jahrzehnte im Geschäft. Wie ist da das Verhältnis zwischen Neuem und Routine?
Kenneth Branagh Das hängt davon ab, wie weit man sich aus seiner kreativen Komfortzone wagt. Wer zehn Krimis in Folge dreht, wird beim elften an Neugier und Inspiration verloren haben. Aber egal, wie viel Erfahrung man gesammelt hat – es ist nie genug, wenn man mit dem Rohmaterial im Schneideraum sitzt. Diesen niederschmetternden Moment kennt jeder Filmemacher. Als junger Mann absolvierte ich ein Casting für David Lynchs „Dune“. Blutjung hockten wir alle da, Gary Oldman war dabei und Daniel Day-Lewis, that handsome bastard (lacht). Nachher fragte ich Lynch, was das Beste und das Schlimmste am Regieführen sei. Das Drehen, sagte er. Darin könne man sich verlieren wie in einem Traum. Und dann erwacht man knallhart, wenn man erkennt, dass man nur einen Bruchteil der Bilder eingefangen hat, die man sich vorgestellt hatte.

tip Wird man Sie künftig wieder mehr als Schauspieler erleben?
Kenneth Branagh Über „Thor“ hinaus habe ich keinerlei Regiepläne gemacht. Ich bin nicht einmal sicher, dass ich an einer Fortsetzung beteiligt wäre, falls der Film Erfolg hat. Das war jedenfalls ein einmaliges Erlebnis, dem ich erst gar nicht nachjagen will. Als Schauspieler habe ich die Freiheit, meist nur ein paar Wochen in ein Projekt zu stecken, während mich „Thor“ zwei Jahre meines Lebens gekostet hat. Zwei gute, erfüllende Jahre. Aber ich freue mich auch darauf, die Verantwortung wieder abgeben und einfach nur für einen anderen Regisseur arbeiten zu können.

Interview: Roland Huschke

Fotos: Zade Rosenthal

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Thor“ im Kino in Berlin

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Zur Person: Kenneth Branagh

Der 1960 in Belfast geborene Kenneth Branagh ist seit seinem Regiedebüt mit der Shakespeare-Verfilmung „Henry V.“ (1989) eine feste Größe im internationalen Arthouse-Kino und wurde angesichts  von Filmen wie der mysteriösen Detektivgeschichte „Schatten der Vergangenheit“ (1991) gar als neuer Orson Welles gerühmt.
Bis heute hat Branagh zwölf abendfüllende Spielfilme inszeniert, darunter so originelle wie „Verlorene Liebesmüh'“ (2000), eine modernisierte Shakespeare-Komödie mit Wasserballetteinlagen. In den letzten Jahren war Branagh verstärkt auch wieder als Schauspieler zu sehen. Dass er unter anderem die Rolle des Professor Gilderoy Lockhart in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ (2002) übernahm und in diversen TV-Filmen als Kommissar Kurt Wallander (aus den populären Kriminalromanen von Henning Mankell) auftrat, machte ihn auch Publikumskreisen jenseits der Arthouse-Kinos bekannt.

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