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Kenneth Branagh im Interview

Kenneth Branaghtip Mr. Branagh, dass Sie bei einem Film wie „Thor“ Regie führen, ist eine echte Überraschung. Von Shakespeare zu Marvel ist es doch ein weiter Weg.
Kenneth Branagh Ich benutze ungern Worte wie Schicksal, doch hier scheint mir durchaus eine merkwürdige Macht im Spiel gewesen zu sein. In keiner Sekunde meiner Karriere hatte ich mich bislang mit Superhelden beschäftigt, und ich bin sicher kein besonderer Kenner der Materie, aber tatsächlich haben mich die „Thor“-Comics in meiner Kindheit in Belfast gefesselt. Ich mochte die extreme Exotik der Figur – er ist ja nicht nur Halbgott und Weltraumreisender, sondern zugleich so archaisch. Also wirklich – der Typ trägt einen Wikingerhelm (lacht). Aber als mir die Marvel-Leute das Projekt aus heiterem Himmel vorschlugen, wurde auch sehr schnell klar, dass sie die Figur und ihre Mythologie so ernst nehmen wie ein Theatermann seinen Hamlet.

tip Gab es bereits ein Skript, als Sie zum Projekt stießen?
Kenneth Branagh Ja, der Stoff war durch diverse Versionen gegangen. Es gab einen Entwurf, der ausschließlich in Thors Paralleluniversum spielt, konzentriert auf seinen Heimatplaneten Asgard. Andere Autoren ließen Thor im New York unserer Zeit landen, wo er sich mitten in Manhattan mit Gegnern duelliert. Alles interessante Ideen. Das Problem bei einer so beliebten Comicfigur ist nur, dass es sie schon in unzähligen Inkarnationen zu bewundern gab. „Thor“-Comics waren schon erwachsen und infantil erzählt, klassisch und psychedelisch gezeichnet – allein sein Kostüm und der berühmte Hammer wurden im Laufe der Jahre dutzendmal verändert.

Thortip Ist ein „Thor“-Film nicht trotzdem sehr riskant? Die Figur ist ja nicht so fest in der Popkultur verankert wie die Kollegen Batman oder Spiderman?
Kenneth Branagh Es wäre ein Fehler, einen Film für eine fest definierte Zielgruppe zu planen, und ich hoffe doch sehr, auch über die Fans hinaus ein Publikum zu erreichen. Darum wollte ich eine Geschichte, die eine Brücke aus Thors außerirdischer Welt auf unsere Erde baut. Das Bindeglied dafür ist die Familiendynamik, die genau so auch in einem Drama Shakespeares ihre Berechtigung hätte. Thor ist anfangs ein arroganter, willensstarker Sohn, der um das Erbe der Dynastie in den Wettstreit mit seinem Bruder tritt. Das allein wäre eine fantastische Kain-und-Abel-Story – aber mich interessierte vor allem, wie sich ein Gott verhält, wenn er unter Normalsterbliche in eine durchschnittliche Kleinstadt fällt: das Fisch-auf-dem-Trockenen-Syndrom.

tip Wir haben Sie nie so leidenschaftlich erlebt wie am „Thor“-Set in New Mexico. Geht bei so viel Spielzeug der kleine Junge in Ihnen durch?
Kenneth Branagh Ich setze bei jeder meiner Produktionen so viele Außenaufnahmen wie möglich an, denn die Elemente der Natur können Sie im Studio unmöglich reproduzieren. Aber das Risiko, eine ruinierte Szene zu bekommen, ist natürlich höher: Man ist ständig Sandstürmen oder Regen ausgesetzt. Diese Unwägbarkeiten erzeugen einen absurd hohen Adrenalinpegel, bis man energiegeladen ist wie ein Teenager (lacht). Ich fühlte mich wie in einer doppelten Schlacht. Vor der Kamera musste ich komplexere Action inszenieren als bei „Henry V.“ – und hinter der Kamera kämpfte ich gegen die untergehende Sonne, die mir meine kostbaren Motive raubte.

tip Sie gelten als erfahrener Schauspielerregisseur. Aber wie viel Darstellungskunst lässt so ein Stoff überhaupt zu?
Kenneth Branagh Mit Natalie Portman oder Anthony Hopkins habe ich zumindest Leute engagiert, die Gewicht in jede ihrer Rollen legen und dem Publikum nicht ironisch zuzwinkern. Der Grat ist schmal, auf dem ein ungewöhnlicher Charakter wie Thor ins Lächerliche kippen und sich ein gewisser Camp-Faktor einstellen kann. Mit einem Gott, der durch Raum und Zeit reist, betreten wir selbst für das viel bevölkerte Superhelden-Genre Neuland – und je fantastischer eine Prämisse ist, desto wichtiger ist das Gegensteuern durch überzeugendes Schauspiel.

Foto oben: Giorgia Meschini / Creative Commons

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