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„Kid-Thing“ von David Zellner im Kino

Kid_Thing_04_c_2012_WFilm_Filmbuero_unacumIrgendwo im Nirgendwo von Texas lebt Annie, ein Mädchen im Schulalter, das nicht gerade eine optimale Erziehung bekommt. Der Vater kümmert sich allein um sie, und zwar keineswegs vorbildhaft: Er lebt in den Tag hinein und richtet allenfalls gelegentlich ein paar pflichtschuldige Ermahnungen an seine Tochter. Annie ist mehr oder weniger auf sich allein gestellt und so behält sie auch für sich, was sie eines Tages erlebt: Sie gerät an einen Schacht an einem Waldrand, aus dem heraus eine Stimme zu vernehmen ist. Offensichtlich sitzt da unten eine ältere Dame gefangen, sie behauptet, sie heiße Ester und brauche Hilfe. Doch Annie ist sich nicht sicher, was sie von der Sache halten soll. Vielleicht ist es ja auch der Teufel, den sie da nach oben holen würde, mit dramatischen Folgen für die ganze Welt.

Ganz schön viel Druck für ein Mädchen, das tief in seine persönlichen Mythologien verstrickt scheint, eine Mischung aus kruder Weltdeutung, religiösen Resten und Medienmüll. „Kid-Thing“ von David Zellner ist zweifellos einer der eigenwilligsten amerikanischen Filme der letzten Jahre, eine Independent-Produktion, die man am ehesten mit „Beasts of The Southern Wild“ oder mit frühen Filmen von Harmony Korine („Julien Donkey-Boy“) vergleichen könnte. Im Vergleich zu dem letztendlich romantischen Drama aus den Sümpfen Louisianas ist „Kid-Thing“ aber viel tiefer in „White Trash“-Welten verstrickt und es bleibt ein wenig unklar, inwiefern die Filmemacher (neben Regisseur David Zellner ist auch sein Bruder Nathan dabei, der den Vater von Annie spielt) das alles überhaupt als Beschreibung einer sozialen Wirklichkeit verstanden haben wollen. Eher schon wirkt der Film wie ein merkwürdiger Traum, in dessen Entstellungen die Heldin Annie für ein bisschen Ordnung sorgt. Sie weiß vielleicht nicht sofort, was das Richtige ist, das zu tun ist, aber sie bewegt sich durch diesen rätselhaften Kosmos mit einer Unberechenbarkeit, die allein der Situation angemessen ist. Kindheit ist selten einfach, hier erfahren wir sie als verstörend, aber auch höchst faszinierend.

Text: Bert Rebhandl

Foto: W-Film / Filmbüro una cum

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Kid-Thing“ im Kino in Berlin

„Kid-Thing“ USA 2012; Regie: David Zellner; Darsteller: Sydney Aguirre (Annie), Susan Tyrrell (Esther), Nathan Zellner (Marvin); 86 Minuten; FSK 16;

Kinostart: 22. August

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