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„Kinatay“ und „Lola“ von Brillante Mendoza im Kino

Kinatay

Ein Auto fährt durch die Nacht von Manila, es ist auf dem Weg in die Hölle, wer mitfährt, wird in sie hineingerissen. Peping, der junge Polizist, der im Wagen neben einer gefesselten und geknebelten Prostituierten sitzt, die die Spielregeln des Drogengeschäfts verletzt hat und nun dafür bezahlen soll, muss sich wie der Zuschauer gut überlegen, ob er nicht besser rechtzeitig aus diesem Trip aussteigt. Während der unrühmliche Held von „Kinatay“ aus dem Stand der anfänglichen Unschuld in das Mordkomplott seiner Kol­legen hineingerissen wird, bedrängt der Film sein Publikum mit Bildern, die es auf einer anderen Ebene korrumpieren und verfolgen. „Kinatay“ ist Horror im Gewand des Arthousekinos, und wie alle Filme, die ihre dokumentarische Genauigkeit auch im Moment äußerster Gewalt nicht aufgeben, ist er schmerzhaft, quälend und obszön.
Brillante Mendozas Werke zeichnen ein ambivalentes Bild der modernen Philippinen, 24 Jahre nach dem Ende der Marcos-Diktatur. Seine räumlich und zeitlich stark verdichteten Studien eng abgesteckter Milieus laufen mittlerweile auf den großen A-Festivals, in Cannes und Venedig, als Botschafter des jungen philippinischen Kinos, für das auch Lav Diaz mit seinen 11-stündigen Monumentalwerken („Evolution of a Filipino Family“) oder Raya Martin mit seiner avantgardistischen Neuschreibung philippinischer Filmgeschichte („A Short Film About the Indio Nacional“) stehen.
KinatayIn Mendozas Kino, das man nach der Retrospektive im Arsenal nun mit den parallelen Filmpremieren seiner beiden jüngsten Arbeiten „Lola“ und „Kinatay“ weiter kennenlernen kann, erscheint das Nebeneinander von Alltag und Polizeigewalt („Kinatay“) oder von allgemeinem Gesetz und privater Moral („Lola“) ebenso plastisch wie das Alltagstreiben in den permissiven Nischen eines Porno­kino-Familienunternehmens („Serbis“). Auch seine Filme sind wie die von Diaz oder Martin der Versuch, eine Lücke zu füllen, die das Mainstreamkino hinterlassen hat, das mit seinen Unterhaltungsfilmen und Melodramen die konkreten Aspekte des phi­lippinischen Lebens vielfach unsichtbar macht. Die virtuos montierten Arbeiten des 49-jährigen früheren Werbefilmers erzeugen als bewusste Gegenbewegung, die das Leben der Philippinen in seiner Totalität abbilden will, einen ungewöhnlich komplexen Wirklichkeitseindruck. Doch keiner ist dabei so bedrängend wie „Kinatay“, der extremste unter Mendozas Filmen, der auf einem authentischen Fall beruht.
Lange fährt der Wagen mit dem Opfer, den Mördern, dem stillen Komplizen durch die Nacht, an einen Ort, an dem mit sadistischer Wut nur noch die Ordnung der Gewalt aufrecht erhalten werden soll. In einem notdürftig erleuchteten Souterrain drohen der verängstigten jungen Frau unter den Augen des Zeugen Peping Vergewaltigung, Folter, Mord und Zerstückelung, es ist das komplette Programm des Serienmörderfilms, das hier verdichtet abläuft, exekutiert ausgerechnet von jenen, deren Auftrag es ist, das Gesetz zu vertreten. Die Frau, die die Drogengeschäfte eines Polizeioffiziers gestört hat, verspricht vergeblich jede Kooperation, während der junge Protagonist langsam begreift, in welches Vorhaben er hineingeschlittert ist: Seine Alternativen sind Flucht in die Nacht, ein rettendes Telefonat – oder weiteres Mitmachen.

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