Interview

Wie die Berliner Yorck-Kinos die Pandemie überlebten

Die Pandemie traf Berlins Lichtspielhäuser hart – immer lange Strecken waren sie seit März 2020 einfach geschlossen. Yorck-Kino-Chef Christian Bräuer erzählt, wie seine Kinos die Pandemie überstanden haben und es sogar schafften ein neues Publikum zu gewinnen.

Nach Regelungslockerungen darf das Kinopublikum ins Yorck-Kino in Neukölln zurückkehren. Foto: Jan Windszus

Viele Herausforderungen, denen die Yorck-Kinos sich stellen mussten

tipBerlin Seit März 2020 mussten die Berliner Kinos über zwei Lockdowns hinweg für 324 Tage schließen. Jetzt, wo sie wieder geöffnet sind, sorgen strengere Regeln für Verwirrung und für einen Verlust von Zuschauenden. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation, rückblickend auf diese zwei ungewöhnlichen Jahre, ein?

Christian Bräuer Obwohl die meisten Menschen mittlerweile geimpft sind, verzeichnen wir derzeit Rekordzahlen an Covidfällen. Für Kinos gibt es mittlerweile sehr strenge Vorschriften und wir wissen noch nicht einmal, was in zwei Wochen passieren wird. Wir hatten 2020 fast sechs Monate lang geschlossen und dann noch einmal 2021. Social Distancing und Hygieneregelungen machten es uns besonders schwer, die Zuschauendenzahlen aus Zeiten vor der Pandemie wieder zu erreichen und Karten zu verkaufen. 2021 lief zwar etwas besser als 2020, aber es bleibt eine schwere Situation.

tipBerlin 2020 sank der Ticketverkauf deutschlandweit um satte 70 Prozent. Zwei Lockdowns, der erste Schock, Unsicherheit und Chaos – Wie sind Sie damit in Berlin umgegangen?

Christian Bräuer Glücklicherweise hatte das Jahr fantastisch begonnen – der beste Start seit Jahrzehnten – bis März kam und der Schock des ersten Lockdowns. Das erklärt, warum Kinos nicht direkt zu Beginn ausstarben und es sich leisten konnten, zu warten, bis die Hilfsprogramme zur Rettung kamen. Das Problem ist, dass nach dem ersten Lockdown viele Verleiher ihre Filme einfach nach hinten verschoben haben. Und gerade als wir anfingen, die Menschen wieder mit guten, hochwertigen Filmen zu versorgen, kam der zweite Lockdown.

Kinos wieder offen: „Wir haben unser älteres Publikum verloren“

tipBerlin Im Juli 2021 durften Kinos endlich wieder nach einer acht-monatigen Pause öffnen. Wie ist es seitdem gelaufen?

Christian Bräuer Die Sommermonate – Juli, August und September – waren unerwartet erfolgreich. Wir hatten weniger Eintritte als 2019, welches ein fantastisches Jahr war, aber mehr als 2018. Im Herbst profitierten wir dann von der Dynamik zweier riesiger Kassenschlager: Keine Zeit zu sterben im Oktober und Spiderman: No Way Home im Dezember. Dieser Bond machte sich besser als der Bond vor der Pandemie.

Was Spiderman angeht, so war es eine der erfolgreichsten Veröffentlichungen aller Zeiten. Doch dann ging der Ticketverkauf im November zurück, weil die Verleiher die Filme verschoben. Das betraf beispielsweise den neuesten Almodóvar-Film Madres Paralelas, aber auch Weihnachtsfamilienlieblinge wie Bibi und Tina. Die Woche nach Weihnachten ist normalerweise die stärkste. Aber nicht 2021, geschuldet einerseits den Vorschriften und andererseits einem ausgedünnten Programm. Selbstverständlich war es etwas schwerer für die Arthouse-Kinos. Aber wir hatten tolle Arthouse-Veröffentlichungen 2021: Filme wie Nomadland, French Dispatch and Dune sowie Filme aus Zeiten vor der Pandemie.

tipBerlin Wer sind die Menschen, die nach den Lockdowns zurück in die Kinos kamen? Haben Sie einen Wandel des Publikums wahrgenommen, entweder aufgrund der Pandemie selbst, oder aufgrund der strengen Vorschriften, die sie einhalten mussten?

Christian Bräuer Ja, wir haben unser älteres Publikum verloren, da es verständlicherweise misstrauisch gegenüber öffentlichen Räumen geworden ist. Die über 60-jährigen repräsentierten ein Drittel unseres Publikums, jetzt liegt ihr Anteil nur noch bei zehn Prozent. Zwischen 2018 und 2021 beobachteten wir einen Anstieg der Anzahl junger Menschen unter 30 um 50 Prozent and heute repräsentieren sie mehr als ein Viertel des Publikums.

Vergangenen Sommer fiel uns auf, dass eine neue Bevölkerungsgruppe junger Menschen, die zuvor nicht in Kinos gegangen war, nun vor den Kinos Schlange stand und nach den Filmen klatschte, weil sie so froh waren, wieder ein kulturelles Leben zu haben. Aber im letzten Quartal von 2021, als die Delta-Welle kam, sahen wir wieder einen Rückgang. Die Menschen wurden vorsichtiger, und es gab die Umstellung von 3G auf 2G, und nicht alle waren geimpft.

Regelverschärfungen: „Die Leute sind enttäuscht und wütend, und ich kann sie verstehen“

tipBerlin Die ersten beiden Januarwochen 2022 liefen gut, dann brachen die Kinokassen nach der Einführung von 2G+ am 15. Januar wieder ein. Wie sind Sie mit so einer plötzlichen Entscheidung umgegangen?

Christian Bräuer Es war hart. Erstens, weil es über Nacht passierte. Außerdem ist es nicht leicht Menschen, die vollständig geimpft oder genesen sind, zu erklären, dass sie einen Test brauchen, aber ihre „geboosterten“ Freunde nicht. Die Leute sind enttäuscht und wütend, und ich kann sie verstehen. Es ist sehr frustrierend, insbesondere zu realisieren, dass in Restaurants 2G+ keinerlei Social Distancing oder das Tragen eines Mundschutzes während des Sitzens am Tisch beinhaltet.

Im Kino hingegen muss man die ganze Zeit eine Maske tragen. Wo wir doch so viel Geld in Luftfilter investiert haben! Sogar die kleinsten Kinos haben sie. Laut den uns vorliegenden Statistiken des Luca-App-Warnsystems, ist die Zahl der Infektionen in Kinos äußerst gering: unter ein Prozent im Vergleich zu zehn Prozent in Restaurants und 50 Prozent in Clubs und bei Großveranstaltungen. Wenn wir also wissen, dass Kinos keine Orte sind, an denen sich Menschen anstecken, fühlt es sich unfair und höchst frustrierend an, uns immer strengeren Vorschriften beugen zu müssen.

tipBerlin Die Berlinale kündigte an, sich an eine 50-prozentige Auslastung zu halten, zusätzlich zur 2G+-Regelung. Wie ist eigentlich die Auslastung in den Berliner Kinos geregelt?

Christian Bräuer Das verändert sich ständig. Grundsätzlich heißt es entweder Maske tragen oder Social Distancing. Seit die Zuschauenden ihre Maske während der gesamten Aufführung aufbehalten müssen, können die Kinos selbst entscheiden, was sie tun wollen. Wenn man ein großes Kino besitzt und es nicht ausverkauft ist, ist es einfach, ein paar Plätze abzusperren. Aber es benachteiligt kleinere Spielstätten.

Christian Bräuer Eine andere Regel besagt, dass, wenn man finanzielle Unterstützung erhalten möchte, man nur unter 80 Prozent der Tickets verkaufen darf. Wenn man ausverkauft ist, erhält man keine staatliche Unterstützung. Es ist alles ein bisschen seltsam.

Notlage: So gefährlich sind Multiplex und Streaming für kleine Kinos

tipBerlin Sind Sie zufrieden mit der finanziellen Hilfe, erhielten die Kinos Ihrer Meinung nach eine angemessene Unterstützung vom Berliner Senat?

Christian Bräuer Insgesamt war es fair. Aber diese Hilfsprogramme sind wie Schwimmnudeln für Kinder im Schwimmbad: Sie halten sie davon ab zu ertrinken, bis sie ohne sie schwimmen können. Hilfsprogramme waren als Notmaßnahme gut, aber wir müssen weiterkommen. Nach zwei Jahren müssen auch kleine Kinos in der Lage sein Geld zu verdienen für Reinvestitionen, für die Rückzahlung von Darlehen und Schulden und für die Zeit danach.

Sie müssen in der Lage sein, sich ohne Unterstützung über Wasser zu halten. Ich habe Angst vor dem Zeitpunkt, an dem die finanzielle Hilfe eingestellt wird. Der Markt nach der Pandemie wird hart sein. Inzwischen hat nahezu jeder Streaming-Abonnements, und die Menschen werden Zeit brauchen sich wieder an den öffentlichen Raum zu gewöhnen. Sie sind immer noch vorsichtig und ängstlich. Es is nicht so, als würde man einen Knopf drücken: Die Pandemie ist jetzt vorbei und alles ist wieder wie vorher. Es wird ein steiniger Weg zurück zur Normalität.

Es wird immer schwieriger mit den Streaming-Diensten zu konkurrieren, vor allem, wenn die Kinos kein Monopol mehr auf Premieren haben, wenn Neuerscheinungen nicht mehr im Kino, sondern auf den großen Plattformen erscheinen und, wenn sich Kino- und SVOD-Starts überschneiden. Nehmen Sie den neuen Campion-Film, The Power of the Dog, oder Don’t Look Up – sie liefen gleichzeitig auf Netflix und in den Berliner Kinos… Wir müssen zwischen Netflix und den großen Studios unterscheiden. Netflix hat die Kinos nie respektiert, während Studios wie Warner Bros. und Sony das taten.

Netflix hat auch keine richtige Kampagne für die Kinoveröffentlichungen seiner Filme angestoßen, sodass niemand sie bemerkt hat. Selbst wenn es sich um einen Jane-Campion-Film handelt, der für die Oscars nominiert ist! Früher gab es ein 120-Tage-Fenster, in dem Filme nur in den Kinos laufen konnten. Jetzt sind es 45 Tage oder weniger, was einen riesigen Nachteil für uns darstellt. Das ist eine große Herausforderung für die Branche. Und die Pandemie hat das Ganze noch verschlimmert.

tipBerlin Es wird oft gesagt, dass Corona als Katalysator dient, der grundlegende Trends hervorhebt und beschleunigt. Ist es an der Zeit für Kinos aufzuwachen, und ihren Auftrag in einer digitalen Welt dominiert von SVOD-Plattformen, neu zu bewerten?

Christian Bräuer Arthouse-Kinos sind wichtige Institutionen in Nachbarschaften. Sie sind ein analoger Ort in einer digitalen Zeit. Wir konsumieren online. Wir streamen, wir kaufen, wir daten online. Das ist relativ neu. Das Kinoerlebnis selbst hat sich in mehr als 100 Jahren nicht verändert. Vielleicht bucht man sein Ticket heute online, oder wird durch Social Media auf einen Film aufmerksam. Aber das einzigartige Erlebnis ins Kino zu gehen hat sich nicht verändert, und Berlin hat eine der vielfältigsten Kinolandschaften der Welt. Keine Stadt hat so viele Arthouse-Kinos wie wir, nicht einmal Paris.

tipBerlin Wir sprechen von mehr als 100 Kinos, richtig? Das sind sehr viele Kinos, was toll ist, aber könnte das zu viel Konkurrenz bedeuten?

Christian Bräuer Es ist eine Herausforderung, aber es bedeutet auch eine dynamischere Szene und mehr Bewusstsein für das Thema Kino. In Berlin sorgen Filme für Furore und der Kinobesuch steht auf der kulturellen Agenda, anders als in Städten mit weniger Kinosälen. Auch die hohe Dichte an Kinos fördert Vielfalt: Von der Yorck-Gruppe und der Astor Film Lounge bin hin zu kleinen Kiez-Kinos wie Wolf oder II Kino.

Was wir dann tun können, oder müssen, ist mit den lokalen Gemeinschaften zu interagieren. Man kann tatsächlich für und mit seinem Publikum ein Programm planen. Es geht um Kuratorenschaft, Wissen, und Erfahrung. Es geht nicht um Vielfalt durch Algorithmen oder Alibi-Vielfalt: Es geht um echte Vielfalt.

tipBerlin Das könnte erklären, warum kleine ambitionierte Kiez-Kinos die Pandemie im Vergleich zu Multiplex-Kinos relativ gut überstanden haben, da sie in der Lage waren, ihr Publikum durch ein originellenes Programm zu behalten. Elisa Rosi vom Lichtblick Kino erklärte, dass ihre Frances-McDormand-Retrospektive sich unerwartet gut machte und eine neue Generation junger Kinobesucher:innen anlockte. Die nächste Herausforderung wird es sein, sie zu halten, auch dann, wenn die Partytage zurück sind und sie mehr Optionen haben.

Christian Bräuer Ich stimme ihr vollkommen zu. Wir haben immer mehr junge Menschen in unsere Kinos kommen sehen. Sie haben all diese Streaming-Möglichkeiten zur Verfügung, aber sie entscheiden sich dafür in unsere Kinosäle zu gehen. Klassiker waren schon länger im Trend, aber die Pandemie hat ihn noch verstärkt – wie Tarantino-Filme oder Filme mit McDormand. Und wer kommt, um sie zu sehen? Leute aus meiner Generation, die diese Filme in ihrer Jugend gesehen haben, oder junge Leute, die sie noch nie gesehen haben und neugierig sind. Und ja, In the Mood for Love lief sehr gut, er war einer der Kassenerfolge nach dem zweiten Lockdown.

In the Mood for Love war ein Hit in den Berliner Kinos nach dem zweiten Lockdown. Foto: YorckKinogruppe

Publikum im Wandel: Immer mehr junge Menschen wollen Filme in der Originalsprache sehen

tipBerlin Könnte dies der Lichtstreifen am Ende des Horizonts sein, dieses neue, jüngere Publikum, das sich nach einem echten Kino sehnt?

Christian Bräuer Die Entwicklung des Publikums ist Teil unseres Berufs, insbesondere die Ansprache eines jüngeren Publikums. Und das ist der Grund, warum es in Berlin so toll ist, denn warum ziehen Menschen hierher? Wegen der Vielfalt und den Möglichkeiten, wegen der Clubs und Bars, aber auch wegen der Kultur. Studierende aus aller Welt ziehen hierher und das ist ein riesiger potentieller Markt für uns. Schauen Sie sich die Neuveröffentlichung von Spencer mit Kristen Stewart an. Am Anfang waren wir uns nicht sicher, wer das schauen würde – wir dachten, es wären ältere Leute, die Lady Di kennen.

Aber es waren vor allem junge Leute, die kamen, und sie wollten den Film in der Originalsprache sehen. Das ist ein weiterer Trend, den wir festgestellt haben: Kinobesucher:innen im späten Teenageralter wollen Filme in ihrer Originalsprache sehen. Durch ihren Social-Media-Konsum kommen sie immer mehr mit Fremdsprachen in Kontakt und ihre Sprachkenntnisse werden immer besser. Jetzt haben wir koreanische Filme auf Koreanisch mit englischen oder deutschen Untertiteln.

tipBerlin Heißt das für Yorck, dass mehr Aufführungen in den Originalfassungen stattfinden?

Christian Bräuer Viel, viel mehr. Während der Pandemie schnitten Filme mit Untertiteln zum ersten Mal besser ab als ihre Synchronfassungen, was für Deutschland sehr neu ist. Einen Film wie Dune, führten wir fast ausschließlich in der Originalfassung auf – das ist das Yorck-Publikum, also Menschen, die den Film nicht in einem Multiplex-Kino gesehen haben. Das spiegelt die wachsende Multikulturalität der Stadt wider, denn immer mehr internationale Berliner:innen wollen Filme in ihrer Muttersprache sehen. Wir haben auch angefangen deutsche und fremdsprachige Filme mit englischen Untertiteln aufzuführen und haben festgestellt, dass es auch dafür ein Publikum gibt.

Die Zukunft des Kinos in Berlin: „Wir brauchen einfach faire Regeln und etwas Unterstützung“

tipBerlin Haben die Leute ein Kinoabonnement, ähnlich wie sie ein SVOD-Abonnement haben? Ist das Yorck-Abonnement auch bei Jugendlichen und internationalen Gästen beliebt?

Christian Bräuer Zwei Drittel unserer Abonnent:innen sind unter 40, wobei die Mehrheit davon – mehr als 40 Prozent – unter 30 Jahre alt ist. Das ist eine gute Nachricht für das Kino insgesamt, denn diese Abonnent:innen sehen sich nicht nur mehr Filme an, sondern sie experimentieren auch mehr mit schwierigen Filmen oder Dokumentationen. Dies ist eine Chance, für kleinere Filme mit geringerer Marketingkraft ein Publikum zu finden und ein neues Filmwissen zu fördern.

tipBerlin Wie fühlen Sie sich: besorgt, frustriert, optimistisch? Alles davon?

Christian Bräuer Ich habe die Pandemie satt, bin es leid für gerechte Hygienemaßnahmen zu kämpfen, bin es leid, die Coronafallzahlen steigen und sinken zu sehen und auf die nächste improvisierte Vorschrift zu warten. Aber die große Unterstützung, die wir von unserem Publikum erhalten haben, und die großartigen Filme, die wir nach jeder Wiedereröffnung zeigen konnten, stimmen mich optimistisch. Einen guten Film im Kino zu schauen, wird niemals obsolet werden. Das ist die Magie des Kinos: Es ist dunkel, alle sitzen wie an einem Lagerfeuer zusammen, und jemand erzählt eine tolle Geschichte. Und es wird immer Menschen geben, die diese Geschichten erzählen wollen. Diese Filme brauchen die Berlinale und sie brauchen die Kinos. Aber ich bin nicht leichtgläubig. Es ist kostspielig und riskant ein Kino zu betreiben, das war es immer. Wir brauchen einfach faire Regeln und etwas Unterstützung.

  • Dieser Artikel ist zuerst bei unserem englischsprachigen Schwestermagazin Exberliner erschienen

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