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Kloß im Hals: „Stilles Chaos“ im Kino

Stilles ChaosEr springt hinein, schwimmt hinaus, rettet die Frau und geht unbedankt von dannen. Als er nach Hause kommt, sieht er einen Rettungswagen und kommt gerade in dem Moment, als das Leichentuch über seine Frau gelegt wird. Gewinn und Verlust stehen auf einer existenziellen Ebene nebeneinander.
So beginnt „Stilles Chaos“ („Caos calmo“) von Antonello Grimaldi, der auf einem Bestseller von Sandro Veronesi beruht und vor einem Jahr im Wettbewerb der Berlinale lief. Pietro Paladini verfällt für eine Trauerarbeit auf eine ungewöhnliche Idee. Weil er einmal nicht zur Stelle war, als seine Frau starb, will er nun zumindest seine Tochter Claudia nicht aus den Augen lassen. Er schlägt im Park vor ihrer Schule sein Lager auf, sitzt auf den Bänken, döst im Auto, isst in einem kleinen Cafй. Bald kommen die Kollegen aus dem Büro zu ihm, die Passanten gewöhnen sich an ihn, man spricht (bewundernd) über „Paladini vor der Schule“.
Nanni Moretti hat eine vergleichbare Geschichte schon einmal in einem tollen eigenen Film erzählt („Das Zimmer meines Sohnes“). Dieses Mal hat er sich als Schauspieler zur Verfügung gestellt. Um der noblen Sache willen hält er sich mit seiner Cholerik weitgehend zurück, aber auch in der Figur von Paladini ist immer noch diese für Moretti so typische Ungeduld mit den kleinmütigen Eitelkeiten der Menschen zu spüren. Er lebt sie nur anders aus, stärker nach innen gerichtet, und wird so zu einem seltsamen Weisheitsidol.
Eine Geschichte dieser Art lebt von Details und von der Art und Weise, wie sie in Szene gesetzt werden. Antonello Grimaldi findet dabei nicht immer ganz das richtige Maß, er will den Kloß im Hals, der sich bei Rührung einstellt, so groß wie möglich haben. Und wenn Nanni Moretti dann nachts vor einem pittoresk ausgeleuchteten Hydranten die Verzweiflung packt und Radiohead dazu greinen, dann kann man das für eine starke Szene halten oder – mit besseren Gründen – für reinen Kitsch.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Zwiespältig

Stilles Chaos (Caos calmo), Italien 2008; Regie: Antonello Grimaldi; Darsteller: Nanni Moretti (Pietro Paladini), Blu Di Martino (Claudia), Valeria Golino (Marta); Farbe, 112 Minuten

Kinostart: 29. Januar 2009

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