Dokumentarfilm

„Kolyma“ im Kino

Die Fernstraße 504 im fernen Osten Russlands wird manchmal auch als „der längste Friedhof der Welt“ bezeichnet. Sie wurde von Menschen gebaut, die unter Stalin in die Lager geschickt wurden, manchmal reichte eine dumme Bemerkung. Der Filmemacher Stanislaw Mucha ist diese Straße nun noch einmal entlanggefahren, und er hat von dieser Expedition einen herausragenden Film über Russland damals (also über die Sowjetunion) und heute mitgebracht: „Kolyma“.

Foto: W-Film

Bisher hatte Mucha häufig einen gewissen Hang zum Grotesken, der auch hier noch gelegentlich durchschimmert, in diesem Fall aber als Grundierung für Erfahrungen, die man eigentlich kaum verarbeiten kann. Der Prolog mit einer Frau, die das Wort Gulag ­angeblich noch nie gehört hat, und stattdessen von „Gulasch“ redet, ist nur ein ironischer Akzent für einen zutiefst geschichtsbewussten Film.

Mucha hat bewegende Zeugen gefunden, er gibt ihnen Raum, er interessiert sich aber auch für die Teenager, die in einer Welt ohne große Perspektive leben. Russland ist nach wie vor ein Riesenreich, das von den verrücktesten biografischen Spuren durchzogen wird. Und es ist Gegenstand eines innigen „Patriotismus“, von dem die Menschen gern sagen, dass man ihn im Westen nicht versteht. Nach „Kolyma“ versteht man vieles besser, vor ­allem auch, was es heißt, mit Toten zusammenzuleben. Das ist eine existenzielle Grunderfahrung, an die dieser Film im nur scheinbar leichten Tonfall von Muchas Fragen heranführt.

Kolyma D 2017, 89 Min., R: Stanislaw Mucha, Start: 21.6.

 

 

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