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„Kommissar Bellamy“ von Claude Chabrol im Kino

Dem Tod begegnet Claude Chabrol gern heiter. Am Friedhof lässt er, zu Beginn seines jüngsten Films, jemanden eine fröhliche Spaziergängermelodie pfeifen, wäh­rend sein Blick vorbei an den Familiengräbern über das Totenfeld hinaus aufs offene Meer schweift und sich in einen Abgrund senkt: Ein ausgebranntes, zerschmettertes Auto liegt an der felsigen Küste, eine verkohlte, enthauptete Leiche gleich daneben.
Claude Chabrol wird sich nicht mehr ändern. In einem knappen Jahr wird der Mann 80, und in dem Alter setzt man nichts mehr aufs Spiel, sondern genießt, was man erarbeitet hat.
Chabrol inszeniert inzwischen so, wie andere Zigarren rauchen, sich an einem Glas Cognac erfreuen oder in ihrer liebsten Lyriksammlung blättern: ganz entspannt, von allem Zwang entbunden, aber mit geschärftem Sinn für ironische Zusammenhänge und geschmackliche Zwischentöne. So hat der Nouvelle-Vague-Veteran einen jederzeit wieder erkennbaren Stil entwickelt; ein Chabrolfilm ist ein Chabrolfilm ist ein Chabrolfilm: avancierter Hitch­cockismus, in dem Scherz und Wahn, Drama und Farce, Professionelles und Privates ineinander aufgehen, als hätten sie immer schon zueinandergehört.
Auch wenn der deutsche Verleih das jüngste Werk des Franzosen nun wie einen klassischen Krimi aussehen lassen möchte und den schlichten Originaltitel „Bellamy“ in das gattungsspezifischere „Kommissar Bellamy“ verwandelt hat, so wird darin doch eher der Tonfall einer Gesellschaftskomödie angeschlagen: Ein alternder Polizist (Gйrard Depardieu), der wie Chabrol längst niemandem mehr etwas beweisen muss, nimmt während seines Urlaubs in Südfrankreich aus Neugier und Rastlosigkeit eine Recherche auf. Ein Fremder (Jacques Gamblin) kontaktiert ihn, behauptet, am Tod eines Obdachlosen beteiligt, aber kein Mörder zu sein, obwohl alles gegen ihn spreche. Chabrol behandelt diesen Fall jedoch wie nebenbei, konzentriert sich lieber auf die Familie seines Protagonisten und auf das soziale Netz im Urlaubsort.
Man mag’s kaum glauben, aber „Bellamy“ ist tatsächlich die erste Zusammenarbeit von Chabrol und Depardieu: Spät kommen die beiden, die in ihrem gelassenen Witz so gut zueinander passen, nun doch noch zusammen – der Regisseur in bester Geberlaune, sein Held mit Walross-Statur und ungebrochen herbem Charme. Chabrol verzettelt sich absichtsvoll, ohne Anspruch auf Realismus, in skurrile Details und süffisante Minicharakterstudien, verhakt die familiären und beruflichen Kreisläufe seiner Erzählung mit den Untergangszyklen der Weltwirtschaft. „Kommissar Bellamy“ thematisiert somit in mehr als einer Hinsicht den Crash als aktuelle Allzwecklösung. Am Ende, wenn sich der Kreis mit einem zweiten Todesfall am Meer, einem neuen Autowrack an der provenzalischen Küste schließt, zitiert Chabrol den Dichter W. H. Auden – und verleiht seiner in alle Richtungen ausufernden Inszenierung damit rückwirkend ein stimmiges Programm: „Es gibt immer noch eine Geschichte. Da ist mehr, als das Auge sieht.“

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung:
Sehenswert

Zeiten und Orte: „Kommissar Bellamy“ im Kino in Berlin

Kommissar Bellamy (Bellamy), Frankreich 2009; Regie: Claude Chabrol; Darsteller: Gйrard Depardieu (Paul Bellamy), Clovis Cornillac (Jacques Lebas), Jacques Gamblin (Noël Gentil/­Emile Leullet/Denis Lepe); Farbe, 110 Minuten

Kinostart: 9. Juli

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